Dass die politischen Vertreter_innen in Deutschland in Bezug auf Geflüchtete, sei es aus Geldmangel in den Kommunen oder aufgrund von bürokratischen Hürden, wenig zu Stande kriegen, ist nicht neu. Was jedoch ein Teil der Bevölkerung gerade in Rostock leistet, verdient Beachtung.

Ich sitze im Büro des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) in der Parkstraße 6. Das Gebäude ist eines der hässlichsten in der Stadt. Bürotüren, die normalerweise geschlossen sind, stehen im Grunde rund um die Uhr offen. Der Sitzungssaal der Referent_innen, die vom StudentInnenrat (ja, das ist die offzielle Bezeichnung) gewählt wurden, ist anderweitig besetzt. Ein Notfallbüro. Mehrere Laptops und Papiere schmücken den Tisch. Emsiges Treiben im Bienenstock.

Linda Marx schlendert über den Flur und durch die Büros und redet mit sich selbst. Es sieht zumindest so aus. Ein gut verstecktes Bluetooth-Headset sorgt bei der Nachhaltigkeitsreferentin für die Telekommunikation. Sie nimmt die Anrufe entgegen, die über das Info-Telefon eintrudeln. Zwischen den Telefonaten hat sie meist circa eine Minute, um Nachfragen anzustellen und selbst immer auf dem möglichst aktuellen Stand zu bleiben. Dann klingelt’s schon wieder. Die meisten Anrufenden möchten wissen, wo sie Spenden abgeben sollen oder wie sie sonst helfen können.DSC01048

Essen stapelt sich in der Büroküche, die Mensa stellt Reis mit Chamignon-Lauch-Pfanne bereit, vom Heumond gibt es heute Kürbissuppe. Alles vegan, damit möglichst alle essen können. Am Tresen wird die Idee von Werkstattschüler_innen besprochen, die eine Freizeitbeschäftigung für Geflüchtete organisieren wollen. Presse- und Hochschulpolitische Referenten sitzen am PC im Raum nebenan und versuchen eine Pressemitteilung über die Anhörung in Schwerin zum neuen Studierendenwerksgesetz, auf dem Teile des AStA vor einigen Stunden noch Reden gehalten haben, zu formulieren. „Pflichttermine wie die Anhörung kriegen wir gerade noch hin. Kaum zu glauben, eigentlich,“ schmunzelt Martin Warning über das momentane Pensum.

„Die Stadt ruft bei uns an und fragt, was sie machen soll.“

Vor einer Woche war hier noch normaler AStA-Alltag. Am Dienstag, 8. September, standen nachts die ersten Geflüchteten am Rostocker Bahnhof. Die Rostocker Verwaltung kennt aber keine Nächte. Beamte haben irgendwann Feierabend. Zum Glück beherbergt Rostock genügend nachtaktive Netzwerke. Menschen, die Vereinen angehören oder eben auch nicht, sich aber für die Belange anderer Menschen engagieren, kümmern sich spontan.

Es kommen jedoch immer mehr Leute an und irgendwann braucht es eine geordnete Organisation. Die Geflüchteten benötigen Unterstützung nicht nur durch Essen und Kleidung sondern auch in ihrer Weiterreise und einem möglichen Amtsgang und die vorübergehende Unterbringung.

Parkstrasse6

Mittwochabend (9.9.) gibt es ein Plenum. Auch über den Tag hat sich die Kommunalverwaltung nicht wirklich gekümmert. Die Engagierten debattieren über die Situation. Es wird eine Koordinierungstelle benötigt, denn irgendwo müssen die Fäden zusammenlaufen. Florian Fröhlich (AStA-Presse) stellt den AStA-Sitzungssaal zur Verfügung. Seit dem sitzt die Koordinierung dort. Die weiteren Büroräume des Ausschusses sind im Grunde auch ständig von Menschen belegt, die für die Information der Bürger_innen und der Geflüchteten Blogs erstellen und pflegen. Ein verbindlicher Schichtplan wurde erstellt, durch den auch grob nachvollzogen werden kann, was alles getan wird.

Die Kommunikation mit den Geflüchteten verlangt Sprachkenntnisse, die momentan die wenigstens Mitteleuropäer_innen leisten können: Arabisch und Parsi1 . Hier greift man auf bestehende Strukturen zurück. Migrant_innen helfen aus. Bereits vor vier oder fünf Jahren Eingereiste übersetzen aus dem Englischen in die Hauptsprachen der arabischen Halbinsel.

Wer hilft hier eigentlich und wie?

Der Zusammenschluss Rostock hilft will sich nicht als autonome Truppe verstanden wissen. Es geht vornehmlich darum, unbürokratisch zu unterstützen. Man legt Wert darauf, auf Augenhöhe mit Stadt und anderen Helfenden zu agieren. Das Netzwerk ist im Grunde kein komplett neues. Man kennt sich. Die Strukturen junger, eher „links“ orientierter Menschen bestehen in der Stadt und sind eng verzweigt. Und eben auch der AStA setzt sich zum Teil aus Referent_innen zusammen, die in diesen Strukturen aktiv sind.

Zwar möchte man auf Augenhöhe agieren, doch zeigt sich die Stadt nicht unbedingt auf dieser Höhe. Im Büro rufen staatliche Institutionen an und fragen, wo sie hin sollen oder was sie machen können und wie viele Geflüchtete eigentlich erwartet werden. Darunter selbst die Bundespolizei. Man kommt sich hier vor, wie beim Katastrophenschutz oder einer provisorischen Regierung. Die große Pointe dieser Situation ist es, dass Menschen, von denen einige regelmäßig von staatlichen Strukturen als „Linksextreme“ gebrandmarkt werden oder werden würden, die Leitzentrale der Bundespolizei spielen.

Der hauptsächliche Betrieb besteht jedoch daraus, die Menschen am Bahnhof mit Essen und Kleidung zu versorgen, sie zu fragen, wohin sie möchten und dann dahin zu begleiten. Dabei helfen auch viele, die nicht in Vereinen oder Netzwerken aktiv sind. In den meisten Fälle wollen die Geflüchteten zum Fährterminal am Überseehafen. Der Großteil möchte weiter nach Skandinavien. Rostocker fahren also mit den Menschen Bus und Bahn und begleiten teilweise bis auf’s schwedische Festland.

Die Unterbringung der Geflüchteten, die in Rostock bzw. Deutschland bleiben wollen, verläuft sehr unterschiedlich. Einzelne Clubs beherbergen schon selbst und dort läuft es wohl recht gut. Dagegen in den Notunterkünften HBWR in Marienehe oder der HanseMesse in Schmarl/Groß Klein: Für die ersten Tage hatten die Menschen in der HanseMesse keine Duschen und auch jetzt nur vier, die sie sich mit Hunderten teilen müssen. Ebenso wie die sechs Toiletten. Keine Raumtrennung, keine Privatsphäre oder Rückzugsmöglichkeiten. Nur eingeteilt nach Weiterreisenden und Bleibenden. Wenigstens die Küche ist super. Von den Geflüchteten gab es Aussagen à la „Wow, das ist die beste Unterkunft seit Langem“. Ziemlich traurig, wenn man darüber nachdenkt.

Neben den Geflüchteten müssen Essen und Kleidung, die im JAZ und beim AStA gesammelt werden, verteilt werden. Ständig werden Transportmittel gebraucht. Die sind natürlich knapp. Unter anderem hat der Zuständige für den Fuhrpark vom Fußballverein Hansa Rostock Kleintransporter angeboten und würde zur Not auch mit dem Vereinsbus vorfahren. Dagegen zeigen sich Busfahrer der Rostocker Straßenbahn AG weniger kooperativ und verlangen von Geflüchteten sogar Fahrkarten vorzuzeigen. „Falls die RSAG dichtmacht, rufen wir einfach bei Hansa an, dann läuft der Laden,“ so Florian Fröhlich optimistisch.

Auch die Universität stellt sich ja sonst recht kompliziert an. Im Zusammenhang mit der momentanen Situation dagegen zeigt sich die Univerwaltung außerordentlich hilfsbereit und leichtfüßig. „Ich bin auch positiv überrascht, dass das so gut funktioniert,“ amüsiert sich StuRa-Vizepräsident Tom Lüth. Rostock ohne Uni wäre also nicht nur wie Schwerin, sondern auch um viele junge Engagierte ärmer und dadurch jetzt völlig überfordert. Am Samstag war Rektor Schareck hier und hat sich über die Situation erkundigt.

büro neu

Der ehemalige Hörsaal neben den Büros, der für das StudentServiceCenter geplant ist, wird in den nächsten Tagen vom Koordinationsteam als Büro genutzt werden, damit der AStA nebenbei seine eigentliche Arbeit, wie die Vorbereitung des Campustages, nicht vollkommen vernachlässigen muss. Bearbeitungszeiten für Hausarbeiten können verlängert werden, wenn der AStA die Beteiligung schriftlich bestätigt. Wahrscheinlich würde die alte Physik sogar bereitgestellt werden, wenn Unterkünfte gebraucht werden. Das Institut für Physik hat das Gebäude ja gerade geräumt. Die Stadt hat aber wohl etwas dagegen. In der Innenstadt wolle man keine Unterkünfte.

physik[Update: Alte Physik am Uni-Platz wurde jetzt doch bezogen. Am Vormittag des 19. Septembers wurde das Haus vorbereitet.]

Preiset die Abwesenheit der Bürokrat_innen

Die Hilfsbereitschaft der Rostocker_innen hätte hier kaum jemand in dem Maße erwartet. Der Keller der Parkstraße ist zum Bersten mit Deos, Kleidung, Kuscheltieren, Matratzen, Handtüchern gefüllt, das JAZ platzt aus allen Nähten. Ein Zeichen unserer Überflussgesellschaft. Hier sammelt sich, was sonst in den Haushalten rumliegt und was wir alle eigentlich gar nicht brauchen. Manches brauchen selbst die Geflüchteten nicht. Hotpants zum Beispiel.

DSC01051

Wenn man das alles so sieht, könnte man neben Freudentränen ob der Hilfsbereitschaft sicherlich berechtigte Kritik üben, dass es eigentlich Aufgabe der Exekutive sei, diese Situation zu managen, schließlich werden sie dafür bezahlt. Nur einige Wenige lassen Verordnung Verordnung sein und sind aktiv dabei. Die städtischen Senatoren Bockhahn und Müller bemühen sich, aus der städtischen Verwaltung rauszuholen, was möglich ist. Doch auch sie wissen, wie abhängig sie gerade von dem Netzwerk Rostock hilft sind. Bürgermeister Methling dagegen zeigt nur an den verschiedenen Stellen sein Gesicht, um seine Beteiligung vorzutäuschen und positive Presse zu generieren.

Eigentlich sollte es nicht sein, dass sich ein Teil der Bevölkerung oder Sport- und Kulturvereine darum kümmern.

Eigentlich ist es keine Selbstverständlichkeit und sollte es im Alltag nicht sein, nach einem 8-10 Stundentag die Freizeit zu geben und dabei völlig zu vergessen, auch dem eigenen Körper Nahrung und Schlaf zu gönnen. Manche sind 12-48 Stunden durchgängig dabei.

Eigentlich müsste ich mich darüber aufregen, dass das notwendig ist.

Doch ich bin froh, dass die Verwaltung hier nicht die Oberhand hat. Man stelle sich vor, wie es in Rostock ablaufen würde, wenn die Bürokrat_innen die Situation leiteten. Es wäre eine (humanitäre) Katastrophe. Und dessen ist sich hoffentlich auch die Verwaltung bewusst.

Freuen wir uns, dass hier Menschen am Werk sind, denen Bürokratie egal ist; die Dienst nach Vorschrift ignorieren, wenn es um Menschen in Not geht. Die einfach machen. Und es ist wundervoll, dass es so viele sind.

  1. In Europa vereinfacht als „Persisch“ bezeichnet. Seit der arabisch-islamischen Eroberung des persischen Gebietes Farsi genannt, da das Arabische kein P kennt und aus dem ursemitischen P ein F wurde. []