Das Soziale Netzwerk ist schon ein Phänomen. Dort treten Menschen miteinander in Kontakt, die sich nie zuvor gesehen haben. Leider immer wieder durch eine merkwürdige Anwandlung mehr oder weniger zwanghafter Massenveranstaltungen: nominierender Kettenpost und emotionsüberladene Klicksammlereien.

Was zu SchülerVZ-Zeiten noch in dämlichen Kettenbriefen vollzogen wurde, die offensichtlich totaler Blödsinn waren, gerät heute völlig aus der Fassung, da die Nutzer_innen anscheinend solch ähnliche Aktionen für allzu toll und puren Ernst halten. Früher stand dort die Drohung, das Profil würde gelöscht, oder der Account würde etwas kosten, wenn man jetzt die Nachricht nicht weiterleite. Heute quillt beispielsweise facebook über vor geteilten Posts merkwürdiger Plattformen und solchen Postings, die andere nominieren bzw. dazu auffordern, doch Ähnliches zu tun. Die bekannteste Aktion war wohl die letztjährige Icebucketchallenge. Was anfänglich wie eine tolle Aktion aussah, Menschen dazu zu bewegen, Geld für die medizinische Forschung zu spenden, erschien auf den zweiten Blick als ökologisch wie ökonomisch doppelt-naive Dummheit. Hätte man nämlich vor der Überweisung an die ALS-Association mal deren Homepage durchforstet, wäre man schnell auf den Hinweis gestoßen, dass dort mit „Tiermodellen“ gearbeitet wird. Das heißt nichts anderes, als dass in den Laboren bei Tieren (häufig Mäuse oder Ratten) eine Genmanipulation vollzogen wird, die dann ähnliche Symptome wie die Krankheit ALS auslöst, um danach zu testen, welches Mittel diese Symptome lindert oder gar ganz verschwinden lässt. Daran sterben die Tiere jedoch zumeist qualvoll.
Zusätzlich kippte man sich vor der Überweisung der Spende einen Eimer mit eisigem Wasser über den Kopf. Es mag zwar lustig für alle Zuschauenden gewesen sein, wie die Leute dann meist jauchzend durch ihren Garten gehopst sind, aber besonders sinnvoll war das nicht.
Also: 5-10 Liter Wasser sinnlos auf den Boden zu gießen und dann noch 20 Euro für Tierversuche zu spenden, war wohl so ziemlich das Unreflektierteste, was in letzter Zeit durch die „Sozialen Netzwerke“ getrieben wurde. Unabhängig davon, dass eine Spende für die Pharmaindustrie immer etwas Komisches an sich hat, verdienen einige Konzerne doch Milliarden mit ihren überteuerten Medikamenten.

Die Challenge wurde von einigen daher abgewandelt. Manche sprangen einfach in das Hafenbecken oder in einen Fluß. Andere spendeten das Geld lieber an eine positiver konnotierte Stelle. Da bleibt dann nur eine Frage bestehen: Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Aufklärung, dem Aufruf zur Hilfsbereitschaft und Anteilnahme und der bloßen narzisstischen Zurschaustellung der eigenen Spendenbereitschaft als einer Form von Charity?

Diese Grenze liegt in der Aufmachung und der Formulierung. Sie ist besonders deutlich an mitleidheischenden Postings erkennbar. Da gibt es Seiten wie heftig.co, buzzfeed oder ähnliche, deren Überschriften ungefähr folgendermaßen klingen: „Du glaubst nicht, was dann passiert ist …“ oder „Wie grausam kann man sein?“ Nun gibt es zwei Sorten von Postings, die zum Teilen aufrufen. Eben jene, die nur Klicks akkumulieren wollen, um so ihre Werbeeinnahmen zu steigern – zu erkennen an der übermäßig starken Emotionsdarstellung – und jene, die wirklich zu etwas führen sollen, das einer Person oder Personengruppe oder einem Tier etc. hilft. „Meine Katze ist mir weggelaufen, hat sie jemand gesehen? [+ Foto]“ kann also geteilt werden. Dagegen „Guckt euch dieses süße Kätzchen an! <3 Es ist einer Freundin weggelaufen! Unter dem Link findet ihr weitere Informationen! Danke :*“ wirkt erstens schon dadurch unseriös, indem auf die Niedlichkeit eingegangen wird, um einen emotionalen Zwang auszulösen, und zweitens ein Link gepostet wird, der Internetnutzer_innen sicherlich auf eine Seite leitet, die entweder Werbung schaltet oder eine Menge Daten sammelt, um dann Werbung zu schalten, per Spam-Mail zum Beispiel.  Dort wird also mit der Hilfsbereitschaft oder dem Glauben an diese Geld verdient. Mal offensichtlicher, mal sehr perfide.

So etwas teilt man aber einfach nicht. Damit belästigt man nicht die Timeline seiner „Freund_innen“. Oder verteilt man sonst auch Zettel mit solch einer Aufschrift, die auf einen QR-Code hinweist, wo jemand seine Kontodaten für eine Spende eintragen soll? Damit müllt ihr ja auch nicht die Briefkästen eurer Bekannten zu. Wer also eine Seite wie heftig.co bei facebook geliked hat, könnte mal darüber nachdenken, was und wen er damit unterstützt.

Teilt lieber Fahndungsfotos der Polizei. Das hat deutlich mehr Sinn, als diese emotionsgeile Grütze auf BILD-Zeitungsniveau, oder nicht?

Durch die Icebucketchallenge sind auch weitere Kettenpostings mit Nominierungen aufgekommen, die mal sinnvoller, mal weniger sinnvoll erscheinen. Beispielsweise Folgende: „Poste jetzt 5 Tage lang, jeden Tag ein Schwarz-Weiß-Foto. Ich nomiere Dr. Mabuse, SenfKetschup3000 und Mutti, das auch zu tun.“ Ich persönlich erfreue mich ja an Schwarz-Weiß-Fotografie. Und hier war auch etwas Interessantes dabei, wenn man denn fähige Fotograf_innen in seiner Freundesliste hatte.

Dagegen Kettenpostings zu Kinderfotos, Lieblingspokémon und ähnlichem Nonsens. Da frage ich mich immer, warum stellt man massenweise Kinderfotos von sich in die Welt? Auch ich hatte mal ein Kinderfoto von mir als Profilbild. Das war aber schon einmal in einer regionalen Zeitung erschienen und stand damit sowieso schon im Netz. War also für sämtliche Datenkraken und Werbungsschalter nichts Neues mehr.

Und die zweite Frage, die ich mir dabei vehement Stelle und keine wirkliche Antwort finde: Warum schaffen es viele nicht, diese Nominierungen zu ignorieren? Warum fühlt man sich so sehr gezwungen, sich diesem scheinbaren Zwang unterzuordnen? Niemandem wird dafür die Freundschaft gekündigt, wenn man an solchen Kettenbriefen nicht teilnimmt. Und wenn doch, kann man nur froh darüber sein. Ich guck jetzt erst mal, wer alles heftig.co geliket hat.

Cover: Screenshot eines heftig.co-Postings