„Zur Hälfte besteht Russland doch aus Majonaise.“

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Über Eindrücke aus dem ländlichen Westen in Russland. Ohne Politik, versprochen!

Petersburg-Platz
Palais-Platz, links Generalstabsgebäude, rechts Winterpalais.

Ein Besuch Russlands scheint für die meisten Ostseekreuzfahrt-Affinen aus einer Sightseeing-Tour in St. Petersburg zu bestehen. Doch lässt die erst 312 Jahre alte Stadt kaum Möglichkeiten offen, mit tiefsitzender russischer Kultur in Berührung zu kommen. Denn diese Großstadt – sieht man von der Architektur einiger Kirchen ab – erscheint wie jede andere Millionenstadt in Mittel- oder Westeuropa. Peter der Große wollte ein russisches Venedig und das sieht man auch. Ein bisschen Paris, ein bisschen Berlin, ein bisschen Rom; Klassizismus an jeder Fassade im Zentrum. Einzige russische Besonderheit: Blattgold schmückt alles, was kein Flachdach ist.

Blutskirche
Blutskirche aus Richtung Nevsky Prospekt

Ansonsten gibt‘s auch hier die beispielsweise aus Berlin bekannten Hipster-Viertel, in denen die Student_innen in den Bars sitzen und nach Free-Wifi fragen. Ebenfalls zu finden sind die in aller Welt im Grunde völlig identischen Jugend-Subkulturen, die sich zumeist durch ihren Musikgeschmack definieren: Gothic, Metal, Punk, Indie, Popmusic. Vom Möchtegern-Wikinger mit Amon Amarth-Shirt bis zur Make-Up-Königin, die beim Hören von Bruno Mars oder Miley Cirus steife Fingernägel bekommt, ist alles zu sehen.

Richtung_Winterpalais
Auf dem Weg zum Winterpalais

Eine russische Großstadt, von denen es eigentlich nur zwei gibt (Moskau und St. Petersburg), wirkt wie jede andere Stadt mit mehr als 2-3 Millionen Einwohner_innen. Differenzierteres lässt mein kurzer Aufenthalt nicht zu. Hier lassen sich ebenfalls die üblichen Einkaufsstraßen, Barmeilen, Parkanlagen, Museen, Theater, längst vergessene Paläste, Kirchen und deutsche Touristen_innen mit Socken in Sandalen finden. Also alles wie überall. Nichts, dass mich zu Sätzen, die aus einer westeuropäischen Wohlstandsarroganz heraus formuliert würden, hinreißen ließe. Dass ich zuvor so sehr betont habe und es auch weiter tun werde, dass eigentlich alles aussieht wie überall, hat nichts mit möglichen anderen Erwartungen meinerseits zu tun, sondern bezieht sich eher auf die auf Klischées und Ressentiments beruhenden Erwartungen der meisten Europäer_innen, bevor sie Russland bereisen.

„Ich hab ‘ne Zwiebel auf’m Dach, ich bin ‘ne Kirche.“

Verlässt man die Metropole gen Süden, befährt man eine recht annehmbare Autobahn, die auch zwischen Leipzig und Berlin nicht besser ist, wie ich gestern auf der Rückfahrt vom Highfield Festival erfahren durfte. Nach circa zweieinhalb Stunden erreicht man die einzige russische Hansestadt.

Sophienplatz, Veliky Novgorod
Sophienplatz, Veliky Novgorod

Veliky Novgorod lässt die Hanseatin gut erkennbar raushängen. Zwar findet sich auch hier häufig der übliche Klassizismus an den Fassaden und die Straßen wirken ebenfalls recht berlinerisch. Die Größe der Stadt versprüht mit 350.000 Einwohner_innen jedoch eher Rostocker Provinzstadtcharme. Der Kreml, seine umliegende Parkanlage und der Fluss Wolchow, der vorbei an Kreml und einem außerhalb der Stadt gelegenen Kloster Richtung Ladogasee fließt, laden zu Spaziergängen ein. Blendet man die deutschen Touristen aus, die auch hier wieder zu finden sind, kann das sehr schön sein. Viele der Gebäude innerhalb des Kremls, in erster Linie die Sophienkathedrale, versprühen aufgrund des blendend weißen Putzes leicht südländisches, ja fast nordafrikanisch-arabisches Flair.

Sophienkathedrale
Sophienkathedrale

Der Westeingang der Kathedrale wird durch eine gegossene Tür verschlossen, die, wie sollte es anders sein, aus Magdeburg kommt. Niemand weiß jedoch, wie das eigentlich für eine polnische Kirche gedachte Portal nach Novgorod gelangte. Geöffnet wird sie nur für große Prozessionen und auch einzig der Erzbischof durchschreitet sie dann. Unten hat der Gießer aus Novgorod, der die Tür letztlich eingesetzt hat, eine der Säulen entfernt und sich selbst verewigt.

Magdeburger Tür
Magdeburger Tür

Der alte Bischofssitz, als eins der wenigen Gebäude mit Klinkerfassade, zeigt sich in Lübecker Gotik. Daneben der Schiefe Turm von Novgorod.

rechts außen: Bischofssitz
rechts außen: Bischofssitz

Auf dem anderen Ufer befindet sich eine vielleicht 200 m lange Kette von Bögen, die in meinem Kopf Bilder vom alten römischen Hafen Ostia hervorrufen. Hier in Novgorod waren vor circa 700 Jahren die Anlegeplätze für hansische Handelsschiffe und hinter diesen Plätzen befanden sich die der einzelnen Herkunft zugeordneten Kontore. Heute ankert eine alte Fregatte am Hafen, die eine, was erwartet man anderes, Diskothek beinhaltet.

Partyschiff
Partyschiff, alte Anlegestellen befinden sich rechts der Brücke

Wie Bützow nach dem Sturm

Bewegen wir uns weiter ins Ländliche. Um wirklich eklatante Unterschiede zu europäischer bzw. deutscher Alltagskultur außerhalb von Kulinarischem zu finden, sei es hier als Pflicht formuliert, die städtischen Bereiche zu verlassen

Kreuzung am Rande der Siedlung Parfino
Kreuzung am Rande der Siedlung Parfino

Der Ort, in dem das Workcamp des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge stattfand, ist eine sogenannte Siedlung. Parfino (Betonung auf dem a) hat ca. 7500 Einwohner, keine Ampel und mindestens doppelt so viele Schlaglöcher wie Autos. Also im Grunde genau wie Bützow nach dem Sturm. Es sieht auch fast genauso aus. Die Wohnblöcke haben schon seit den 50ern keine Renovierung gesehen, außer vielleicht im sanitären Bereich. Die Schaukel auf dem Spielplatz weht neben jedem scheinbar leerstehenden Wohnblock im Wind, wenn nicht gerade eines der vielen Kinder draufsitzt oder ein 30-Jähriger daran Klimmzüge macht. Manchmal weht auch keine Schaukel, weil keine mehr dranhängt.

Das klingt vielleicht abwertend. Soll es aber gar nicht sein. Es hat Charme, dieses russische „Passt schon“. Manchmal entstehen gesundheitliche Fragen, aber grundsätzlich erleichtert es das Leben und irgendwie ist man auch fröhlicher, weil sorgenloser, als im völlig durchgeplanten Deutschland.

spielplatz

Die Bausubstanz ist mit „schlecht isoliert“ recht positiv umschrieben. Es gibt im Grunde kein Haus aus Beton oder Stein, das ohne Wasserschaden und Schimmel existiert. Dagegen sehen die Holzhäuser im Ort aus wie aus dem Bilderbuch. Vorhandenes Geld ist hier nicht immer zu sehen. Nur eine Straße im Ort lässt vermuten, dass dort die Besitzer der Apotheke oder der Holzkombinate ihr Grundstück haben. Ansonsten legen auch die „Besserverdienenden“ – ich setze das hier in Anführungszeichen, da der Durchschnittslohn laut der Aussage einer Lehrerin 250 € beträgt – weniger Wert auf „Schöner Wohnen“. Die Bausubstanz lässt viele zu einem Laissez-faire mit ihrer Wohnung übergehen. Da wird ganz selten gesaugt, gewischt oder mal neu tapeziert. Das Linoleum quillt an den Fugen nach oben. Der Gasherd hat eine zweite Lackschicht aus Fett und Essensresten und der Trend geht zur Klappcouch. Und so ist das eben hier. Das ist nicht schlechter oder besser.

Teppiche und Tapeten zeigen grundsätzlich Blumenornamentik. Der Läufer, der über dem Teppich liegt, hat ein anderes Blumenmuster als der Teppich und auch die Tapete trägt ein völlig anderes Blumenmuster. Das scheint ein Überbleibsel des Sowjetischen Barock zu sein.

In jeder zweiten Straße befindet sich irgendwo ein Loch im Boden. Da wird der Müll reingeschmissen. Auf dem Weg zum Flussufer, im Schlängellauf durch irgendwelche Garagen häufen sich Flaschen und Plastikmüll auf einem Betonblock. Jelena Michailowna Schamrai, die schonmal in Deutschland war und an der örtlichen Mittelschule Deutsch und Englisch unterrichtet, stört es sehr, dass die Leute überall ihren Müll hinschmeißen. Sie wäre für eine Geldstrafe. Die Administration von Parfino heißt diese Idee jedoch nicht gut. Die Menschen seien zu arm, weshalb man ihnen keine Geldstrafe für den Müll aufdrücken könne. Wenn sie nicht überall einfach ihren Müll hinschmeißen würden, müssten sie aber auch keine Geldstrafe bezahlen, sagen wir beide nahezu gleichzeitig, als wir darüber sprechen. Doch diese Logik scheint hier fremd. Da kann Jelena in der Schule den Kindern noch so sehr eine Perspektive vermitteln, die Umwelt und Zukunftsorientierung zum Schwerpunkt macht, wenn zu Hause der Müll hinter den Gartenzaun in irgendein Wasserloch am Straßenrand gekippt wird. Es ist jedoch für uns beide verwunderlich, dass die Wegwerfmentalität nach 1991 wieder aufgekommen ist. Denn im sowjetischen Sozialismus (wie auch in der DDR) hat man Geld dafür bekommen, wenn man Flaschen sammelte und an einer offiziellen Stelle abgab. Gleiches gilt für Papier. Warum das wieder abgeschafft wurde, ist für Jelena ebenfalls völlig unverständlich.

Front der Mittelschule
Front der Mittelschule

In der örtlichen Mittelschule wird alles von den Dielen bis zur betonierten Wand lackiert. Brauner Lack auf dem Boden, grüner, blauer oder knallpinker an der Wand. Dem Geruch nach ist es fraglich, ob das Zeug wirklich gesund ist. Aber es muss gemacht werden, denn während ich dies schreibe, läuft wahrscheinlich gerade eine Legation des Bildungsministeriums durch die Schule und ermittelt, ob sie für das neue Schuljahr, das am 1. September beginnt, gerüstet ist.

Grün, Braun und Pink beherrschen die Palette
Grün, Braun und Pink beherrschen die Palette

Das Schulgelände beherbergt einen Fußballplatz, diverse Klettergerüste und Vorrichtungen, die manchmal eher Erinnerungen an Drillübungen in der Grundausbildung hervorrufen, als ein Schwelgen in der eigenen Schulzeit. Dabei würde jeder deutsche Beamte für Sicherheitsstandards einen Anfall kriegen, was sehr amüsant wäre. ISO oder DIN intressiert hier einen Scheiß und die Kinder können noch auf Bäume klettern. Kein besorgtes Elternteil steht darunter und ruft die Feuerwehr. Schöne Kindheit. Und das sorgt dafür, dass viele recht sportlich sind.

Die HanseSail war vor uns da. // Die deutschen Mädels testen die Sitzgelegenheiten.
Die HanseSail war vor uns da. // Die deutschen Mädels testen die Sitzgelegenheiten.

Die Schule geht hier bis zur 11. Klasse. Danach kann an Universitäten studiert werden. Die meisten zieht es nach Novgorod oder St. Petersburg. In erster Linie der größeren Vielfalt und des Geldes wegen. Die Beschäftigungsmöglichkeiten in Parfino sind sichtlich begrenzt. Fluss, Sporthalle, mit Freunden durch den Ort schlendern und an irgendeinem Spielplatz rumhängen. Dennoch weiß man sich hier noch ohne Internet zu beschäftigen. Gleichwohl hat hier nahezu jedes Kind ab einem bestimmten Alter ein Smartphone, dass auch intensiv genutzt wird.

Die sonstigen Einwohner_innen bieten eine ähnliche Typenvielfalt, wie bei uns. Es posen auch hier die coolen, aufgepumpten Gangster an ihren Tuning-Karren rum. Da aber 10.000 Volt nichts nützen, wenn die Birne nicht brennt, sind sie sich auch für den schlechtesten Scherz nicht zu schade und begrüßen deutsche Gäste gerne mit einem fröhlichen „Sieg Heil“ in entsprechender Körperhaltung. Daneben erlebt die interessierte Gemeinschaft größte Freude, wenn das mühsam erlernte Englisch mal angewendet werden kann und Menschen von janz weit draußen in die touristisch eher schwach besuchte Einöde kommen, wie ich am Tag der Siedlung (1. August) auf dem abendlichen Dorfbums erfahren durfte. Tagsüber fand auf dem Platz vor dem „Dorfgemeinschaftshaus“ eine Art Rummel mit Hüpfburgen und einem ganztägigen Bühnenprogramm mit Tanz und Gesang statt. Rundherum verkauften Leute an ihren Ständen Obst, Gemüse, Spielsachen oder rohes Fleisch aus dem Kofferraum. Viele verteilten durch eine Tombola mit einem Lospreis von 40-80 ct das übliche Spielzeug, dass wir auch von unseren Jahrmarktständen kennen. Wenn der Bürgermeister auftritt, wird selbstverständlich nicht geklatscht. Wir obrigkeitshörigen Deutschen wurden mit einem unmissverständlichen „No, he’s a bad boy.“ davon abgehalten.

Umso später die Uhrzeit, umso Älter wurden die Mitglieder der Tanzgruppen.
Umso später die Uhrzeit, umso Älter wurden die Mitglieder der Tanzgruppen.

Die soziale Milieustruktur lässt zumindest auf den groben Blick keine großen Unterschiede erkennen. Lediglich im Finanziellen herrscht exorbitante Diskrepanz. Eine im Krankenhaus tätige Zahnärztin wird hier nicht im Nerzmantel den Q7 spazieren fahren. Wer nicht im Supermarkt, im Krankenhaus oder anderen kleinen Geschäften arbeitet, ist in der Holzwirtschaft oder in den Städten anzutreffen.

Täfelung

Die Verkaufsleitung eines der Holzkombinate, die im Bürodress und Pumps durch den Matsch marschiert und uns die Lagerhallen und Maschinen zeigt, bestätigt optisch jedes Klischée von einer russischen Mitvierzigerin. Der Besitzer des Kombinates ist ein Mann um die 35, der laut der Dame ein sehr bescheidener Chef sein soll. Die Auftragslage sei überwältigend und es müsse weiteres Land gekauft werden, um die Produktion erhöhen zu können. Vom Fällen bis zum Aufbau der Häuser werde hier alles selbst gemacht. Verkaufsschlager seien die Holzhäuser aus viereckigen Balken, die systematisch ineinander gesteckt werden. Zur Verschönerung gibt’s eine Vertäfelung. Alles bekomme einen feuer- und wetterfesten Anstrich. Das Dach besteht aus Wellblech, das auf einer ca. 15-20 cm dicken Isolationsschicht klebt. Dadurch höre man den Regen nicht und die Isolation sei besser, als bei jedem Ziegeldach mit hölzernem Dachstuhl und Steinwolle, wie man es aus vielen mitteleuropäischen Häusern kennt.

So ein Holzhaus kostet je nach Größe um die 5000-15000 Euro. Für einen deutschen Otto-Normalverbraucher wäre das ein Tropfen auf den heißen Kredit-Stein. Eine russische Familie aus Parfino bohrt da etwas dickere Bretter, um diese Summe zu stämmen. Viele kaufen sich hier auch eine Wohnung (in der Stadt), die sie per Kredit finanzieren. Da die Miete auf Dauer dann doch zu hoch ist. Und ob man nun Miete bezahle oder den Kredit ab, mache auch keinen Unterschied, so Jelenas pragmatische Sicht der Dinge.

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Wer nicht im Ort arbeitet, beschäftigt sich in der nächstgelegenen Stadt. Dostojewskis Heimat, Staraja Russa, mit einer wunderschönen, roten Kirche und dem obligatorischen Lenin ist ein Kurort, der mit Salz und Heilwasser nur so um sich wirft.

Salzmuseum im Aufbau
Salzmuseum im Aufbau

Das Salzmuseum befindet sich noch im Aufbau. Ein Mann in bronzezeitlicher Leinenkleidung begrüßt uns und eine Frau in ähnlicher Verpackung besetzt die Theke im Souvenirshop. Mehrere Holzhäuser sind noch im Aufbau. Fünf weitere sollen folgen. Eine Banja (russische Sauna) ist zu begutachten und es darf Salz probiert werden, das wirklich nach etwas schmeckt und wahrscheinlich, und das ist auch gut so, nicht jodiert ist. Das Salz wird hier einfach aus dem Wasser gekocht. Beziehungsweise wurde das hier früher so gemacht und das Museum zeigt die alte Herstellungsweise und bietet das daraus gewonnene Salz, das eine leicht rötliche Färbung hat, zum Verkauf an.

Das Tor zum Wellness-Paradies
Das Tor zum Wellness-Paradies

Auf dem Gelände des nahe dem Salzmuseum gelegenen Wellness-Paradieses werden fünf, sechs Sorten Heilwasser zur Verkostung und anschließendem Verkauf angeboten. Alle schmecken entweder salzig, schweflig oder kalkig bis eisenhaltig. Furchtbar eklig sind sie allesamt, aber Medizin darf ja bekanntlich nicht gut schmecken. Auf einer Tafel neben der Verkostungsaufreihung, die aussieht wie eine Pissrinne aus Diskotheken, steht geschrieben, gegen welche Beschwerden welches Wasser helfen soll. Mir kommt es jedoch eher so vor, als bekäme man von all diesen Köstlichkeiten eher die aufgelisteten Beschwerden, als dass das hier Heilung hervorriefe. Die den Verkostungsbereich umgebenden Touristenfallen namens Souvenirshops unterstreichen die Seriösität des Heilwassers.

Für die deutschen und auch russischen Jugendlichen ist es dagegen wie immer das Heilsamste, neben der belustigenden Betätigung auf den abstrakten Sportgeräten im Park, das freie WLAN am Brunnen zu ergattern. Nur, um dann festzustellen, dass die Zeit nicht reichen wird, um die absolut wichtigen Nachrichten aus mindestens fünf Gruppenchats über die mögliche Beschäftigung bei „dieser Hitze“ zu lesen. Letztlich ist man doch ganz froh, das alles verpassen zu dürfen.

Exkurs: Kulinarisches

Blini zum Frühstück. Ein Muss: Der Schmand.
Blini zum Frühstück. Ein Muss: Der Schmand.

Die russische Küche stellt sich als recht simpel heraus. Typisches lässt sich leicht zusammenfassen: Die Blini genannten Eierkuchen gerne mit Blaubeeren. Die Rote-Beete-Suppe, deren Name in der deutschen Transliteration jedes russische Auge und Ohr vor Ekel zum Platzen bringen würde: Borschtsch (Eigentlich Borssssscccchhh. Ein s, dass sich über ein ch zum sch entwickelt: щ ).

Ansonsten ist eigentlich alles aus Majonaise oder Schmand. Der Schichtsalat, der hier gerne als Vorspeise serviert wird, besteht aus Fleischwurst, Rot- und Weißkraut sowie Majo und Streukäse. Bis auf die Majo alles in gleich langen schmalen Streifen. Hauptgang sind zumeist Suppen. Die oben genannte oder auch einfache Gemüse- oder Hühnerbrühen. Wobei in Russland eigentlich nichts ohne Fleisch gemacht wird. Also streichen wir die Gemüsebrühe an dieser Stelle wieder.

Kantine

In der Schulkantine, die uns verpflegt, erwarten uns häufig drei Variationen fester Nahrung außerhalb von Suppen: Reis mit Frikadelle, Makkaroni mit zwei Centimeter dicker Fleischwurstscheibe oder Graupen mit einem mit Käse überbackenen Stück Fleisch, wahrscheinlich Schwein. Keine Saucen. Die darf sich jeder aus den Plastikpackungen in Caprisonne-Form selbst servieren. Ketchup, Knoblauch oder Käsesauce. Dazu steht auf dem Tisch immer ein Samowar oder eine Kanne mit heißem Wasser. Ohne Tee geht hier gar nichts. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Leitungswasser nur gekocht zu genießen ist und einige der Mineralwasser sehr gewähnungsbedürftig schmecken.

Was natürlich nicht fehlen darf: Russisches Konfekt. Süßigkeiten, die meist einfach nur süß sind oder Geschmäcker treffen, an die sich viele Deutsche erst noch gewöhnen müssen. Letzteres scheint auch im Allgemeinen auf das Essen zuzutreffen. Gesund ist das alles auf jeden Fall nicht unbedingt. Ausgewogen auch nicht unbedingt. Dennoch ist hier niemand verhungert. Und ich habe auf jeden Fall immer etwas gefunden, was mir gefallen hat.

Gurke, Tomate, Karotte und Krautsalate sind die Hauptgemüsesorten. Dabei darf jedoch nicht unter den Tisch fallen, dass die Gurken und Tomaten hier auch wirklich nach mehr schmecken, als es die bloßen Wasserverbindungen in deutschen Supermärkten tun. Hier sehen Gurken auch noch so aus, wie Gurken einmal ausgesehen haben, bevor sie möglichst zu Hauf in Kisten passen mussten.

Salziges Mineralswasser. Gewöhnungsbedürftig. Die Bliniröllchen sind allerdings eine Delikatesse.
Salziges Mineralwasser. Gewöhnungsbedürftig. Die Bliniröllchen sind allerdings eine Delikatesse.

Entfernen wir uns vom alltäglichen Kantinenessen, fahren russische Köch_innen zu Feierlichkeiten ein ganz anderes Programm. Da wird Krabbenfleisch in Blini gewickelt und der Kaviar auf das Weißbrot drapiert. Der Tisch wird im Grunde nie alle, weil derart reichlich gekocht wird. Zu Feierlichkeiten ähnelt die russische Esstradition, wie auch die russische Sprache im Allgemeinen, dem Griechischen. Es gibt allerhand Fingerfood. Und wenn man eigentlich schon lange gesättigt ist und den vierten Wodka hinter sich hat, kommt der warme Hauptgang. Da muss man sich als deutsche_r Trennkostesser_in (Vorspeise – Hauptgang – Dessert) etwas zusammenreißen, um sich nicht schon des zu vielen Essens wegen den Abend nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Außer man kennt das schon.

KriegsgräberVORsorge

Neben der Betätigung als Teilzeittourist_innen sollten wir natürlich auch mal eine Kriegsgräberstätte besuchen. Aufgrund des schlechten Wetters in der ersten Woche, hielt sich das jedoch häufig in Grenzen.

Kriegsgräberstätte in Parfino
Kriegsgräberstätte in Parfino

Die russischen Stätten prägte die Kunst. Insbesondere die Kunstblume. Nicht eine echte Pflanze war zu sehen, bis auf das Unkraut, dessen Entfernung meist die einzige Tätigkeit war, die wir zu erledigen hatten. In Korporo-Demjansk zeigte die Ausstellung der zerstörten Helme den friedlichen Wohlstand gewohnten deutschen Jugendlichen, dass im Krieg der Tod selten eine schöne Sache ist.

Die zerschossenen Helme aus Korporo-Demjansk
Die zerschossenen Helme aus Korporo-Demjansk

Die Tristheit oder Simplizität der deutschen Kriegsgräberstätten in Korostyn oder am Stadtrand von Novgorod dagegen lassen nur aufgrund der unaufhörlichen Anzahl an Namen auf Marmorblöcken erahnen, was eigentlich Krieg bedeutet. Ansonsten sind es eher gut gepflegte Friedhofsparks.

Deutsche Kriegskräberstätte in Korostin, zu erkennen am gemähten Rasen.
Deutsche Kriegskräberstätte in Korostyn, zu erkennen am gemähten Rasen.

Direkt hinter dieser Stätte in Korostyn liegt der Ilmensee. Das gegenüberliegende Ufer liegt an manchen Stellen genau soweit entfernt, wie die dänische Küste, stünde man am Warnemünder Strand. Hier findet sich eine noch recht unangetastete Natur. Da muss der Strand am See nicht mit dem schönsten Sand hergerichtet werden, damit 100.000 Touristen ihre Zigaretten reindrücken können. Besonders schön ist es, festzustellen, dass es Orte gibt, an denen man nicht ständig Menschen trifft.

Hinter der Stätte in Korostin am Strand vom Ilmensee
Hinter der Stätte in Korostin am Strand vom Ilmensee

Am letzten Tag vollziehen wir auf der russischen Stätte in Parfino eine Kranzniederlegung. Es wird ein Text von Joachim Gauck verlesen (erstaunlich, dass das auch ohne Kriegsrhetorik geht). Abwechselnd auf Deutsch und auf Russisch. Die Russ_innen tragen zusätzlich ein Gedicht vor, dessen Chorus eine leichte Gänsehaut hervorruft, was allen bewusst macht, warum wir eigentlich hier sind.

Die Organisation des Volksbundes war nicht immer perfekt, aber für die Erweiterung des eigenen Horizonts ist Russland mehr als eine Reise wert. Und wie in vielen anderen Staaten dieser Erde auch, wollen die meisten Menschen einfach nur Leben. Kaum jemand hat wirkliches Interesse an diplomatischem Hickhack und irgendwelchen Sanktionen.

Am vorletzten Abend in Parfino setzten wir uns noch für 1-2 Stunden an das Panzerdenkmal. Ein Sinnbild: Was gibt es Schöneres, als Seifenblasen, die das Licht in Regenbogenfarben brechen. Und das in Russland. Ein Panzer ist bei Lichte betrachtet schließlich auch nur ein Einhorn aus Stahl.

Friedenspanzer
Friedenspanzer

 

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