Immer diese Jubiläen. Der Mensch scheint wieder und wieder einen Anlass für das Wühlen in der eigenen Vergangenheit zu brauchen. Na gut, dann machen wir das auch!

Der Autor ertrinkt in dreibuchstabigen Abkürzungen. SOS!

Innerhalb der Aktualitätsspanne dieser Ausgabe [Dieser Text wurde zuerst im heuler #107 veröffentlicht.] findet sich ein Tag, der diesen Anlass darstellt. Wir wollen uns jetzt nicht Phrasen wie „Ein Tag, der die Welt nachhaltig veränderte“ hingeben, obschon gerade dieser Tag in der deutschen Geschichte an Ereignisreichtum kaum zu übertreffen scheint. Überspringen wir daher diesen lästigen, immer gleichen Absatz und steigen ein in die Welt der Wilhelm-Pieck-Universität (WPU).

IST

Das Universitätssystem der Deutschen Demokratischen Republik barg einen reichhaltigen Schatz an Totalitärem. Lehrkräfte wurden mehr oder weniger von der Parteiobrigkeit erwählt, Studierende „vertrat“ die FDJ. Die Struktur der WPU war der sozialistischen Sprache und Systematisierung untergeordnet. Statt Fakultäten bestanden Sektionen. Kaderpolitik. Studieren konnte, wer der SED nach Erwerb des Abiturs durch Besuch der EOS oder einer Ausbildung mit Abitur grundsätzlich Treue erwies, im Fragebogen, durch Parteimitgliedschaft oder durch erworbene Auszeichnungen: Aktivist, Held der Arbeit. Charakteristika der Mehrheit – Ausnahmen bestätigten die Regel.

In einer Untersuchung „zur sozialen Sicherheit der Studierenden in der DDR“ in Abgrenzung zu kapitalistischen Ländern heißt es, dass ca. 90 Prozent nach dem Abitur auch ein Studium aufnehmen. Dass diese nach dem Abitur auch studieren konnten, lag wohl an der härteren Selektion zwischen Polytechnischer und Erweiterter Oberschule.

In der DDR waren die Studierenden vielerlei anderes gewohnt als die heutigen, beispielsweise die Qualifizierung zum Reservisten oder Reserveoffizier für die Herren. Zusätzlich gehörte zum beruflichen Alltag, also auch zum universitären, die sogenannte Zivilverteidigungsausbildung. Studenten, Mitarbeiter, Professoren mussten für den Fall von „Katastrophen und Havarien“ gerüstet sein und unter anderem den Umgang mit einer Gasmaske beherrschen. Der Rektor konnte erforderlichenfalls beantragen, einzelne betroffene Studenten stattdessen für volkswirtschaftlich erforderliche Aufgaben einzusetzen.

Zum Medizinstudium gehörte das Gebiet der Militärmedizin, um in außergewöhnlichen Situationen den medizinischen Schutz der Bevölkerung gewährleisten zu können. So mussten weibliche Studenten der Medizin und ihre männlichen Kollegen, die keine Reservistenausbildung hatten, ein medizinisches Zivilverteidigungspraktikum absolvieren.

SOLL

Mit den Demonstrationen im September begann eine Phase der dual herrschenden Systeme. Nicht im Bereich der Ausbildung, sondern ganz allgemein. Wo bei der Wohnungsvergabe noch sozialistische Planwirtschaft herrschte, wie der Einsatz des Rostocker Rektors für eine studierende Familie auf Wohnungssuche im Jahre 1990 zeigt, regierte in anderen Bereichen bereits westlicher Kapitalismus.

Der geistige Umschwung machte selbstverständlich auch vor der WPU nicht halt. Schon im Oktober und November wurde in den Gremien der Universität die momentane Lage im Land diskutiert. Vier Tage nach dem Mauerfall erkannten Studenten der Humanmedizin die Situation und reichten eine Erklärung ein, in der sie an der Notwendigkeit des universitätsweiten Unterrichts im Fach Wissenschaftlicher Sozialismus – marxistisch-leninistisches Grundlagenstudium war Hauptfach in allen Studienfächern – und der Verhältnismäßigkeit gegenüber fachspezifischen Noten zweifelten. Für Hardliner muss diese Erklärung ein Rütteln an den Grundfesten des Systems gewesen sein.

Für viele war im November keine Spur von Einheit in der Luft. Die meisten wollten den Staat DDR reformieren. Erarbeitete „Vorschläge und Überlegungen zu einer grundlegenden Hochschulreform“ vom 7. Dezember 1989 beginnen mit dem Satz: „Die Deutsche Demokratische Republik steht am Beginn eines Aufbruchs zur politischen, sozialen, ökonomischen, geistig-kulturellen und moralischen Erneuerung des Sozialismus.“ Man wolle die „Widersprüche zwischen den humanistischen Zielen und Werten des Sozialismus und seiner politischen, ökonomischen und sozialen Fehlentwicklung“ auflösen. Der Sozialismus sollte auch an der Universität eine Demokratisierung erfahren, die er dringend nötig hatte. Die Autonomie der Wissenschaft von Zentralismus, Bürokratie und Parteibuch wurde ebenso gefordert wie die Möglichkeit einer stärkeren Beteiligung der Studenten, wobei „der Ausgangspunkt der mündige Student“ sei, der bis dato nicht wirklich Ziel des Bildungsministeriums war.

HABEN

Nach und nach wurde das Angebot westlichen Universitäten angeglichen. Wirtschaft- und Sozialwissenschaften entstanden, die zuvor in Teilen anderen Fächern wie der Philosophie oder Sozialistischem Recht zugeschrieben waren. Jura kam wieder nach Rostock.

Doch bei der Hochschulreform ging es auch um Personen. Kann eine Erneuerung mit alten Köpfen vollzogen werden? „Hat sich hier nicht die alte Leitungshierarchie selbst im Amt bestätigt?“, fragte die neue Zeitung Studentenfutter nach der Bestätigung des alten Rektors Prof. Dr. Klaus Plötner.

Mitglieder des Unabhängigen Untersuchungsausschusses Rostock forderten Anfang April 1990, mit Verweis auf ein benötigtes Grundvertrauen bei der Reform der Uni, alle Mitarbeiter, Dozenten, Studenten, die inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit waren, auf, „von Kandidaturen zu den bevorstehenden Neuwahlen“ sämtlicher universitärer Gremien und Ämter zurückzutreten. Ob das auch in allen Fällen vollzogen wurde, kann an dieser Stelle nicht nachvollzogen werden.

Im Zuge der Übernahme westdeutschen Rechts drohte den emeritierten Professoren der Verlust ihres vorzüglichen Rechts, weiter Gehalt zu beziehen und ein Büro zur Verfügung zu haben. Das westdeutsche Recht wollte Emiriti in die Kategorie der Rentner einbinden und sie sollten mit ca. 1.500 Mark Rente ihren Ruhestand genießen. Dass Emiriti keine Rentner sind, da sie nämlich, solange sie sich trotz des Alters dazu in der Lage fühlen, auch über den allgemeinen Ruhestand hinaus weiterforschen können und häufig auch wollen, musste ein Schreiben eines Professors an den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft in Bonn erklären. Letztlich wurde das Problem ja gelöst.

Das wohl Wichtigste, so könnte man vermuten, schien jedoch der Name der Universität zu sein. Die Namensgebung einer Einrichtung könnte den Grundstein für die weitere ideelle Entwicklung dieser legen. Eine für Rostock bedeutsame Persönlichkeit wurde gesucht, aber anscheinend nicht gefunden. Oder die Entscheidung fiel zu schwer. Doch wohl jeder wäre bedeutender für die Hansestadt gewesen als der einzige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, dessen Namen die Uni Rostock von 1976 bis 1990 trug. Max Samuel, Fritz Reuter, Uwe Johnson, Hans Moral oder Walter Kempowski wären durchaus brauchbare, weil positiv besetzte Persönlichkeiten. Doch niemand hat die Absicht, dieser Universität einen Namen zu geben.