Weinnachten

Über das haselnusstrockene Verkommen einer lieblich-moralischen Idee.

Es war einmal … Dieser Satzanfang leitete früher, als alles besser war und niemand auch nur irgendetwas hatte, die Märchenstunde ein. Sie lud zum Träumen ein: Von schönen Prinzessinnen, gütigen bis herrlich bescheuerten Königen und natürlich Helden und Abartigkeiten.

Bei uns zu Hause begleitete das Weihnachtsfest eine nicht enden wollende Folge von Märchen aus der Flimmerkiste. Deren Ursprung war meist eisig und forstlich benadelt und zu Beginn und am Ende lugte eine freundliche Бабушка aus einer Puppenkiste, die zu jedem Märchen die nahezu gleichen Sätze absonderte. Die Inhalte der Sagen waren meist von Slapstic und herrlich trockenem Humor und in jeder Geschichte spielten dieselben Schauspieler nahezu gleiche Figuren. Das war vertraut und schön.

Bis eines verschneiten Morgens so ein Peripher-Slawe auf die verkappte Idee gekommen ist, den von Moral und Ethik durchtränkten Geschichten eines armen Mädchens aus dem Kohlenkeller, das mit Vögeln sprechen konnte und überall ihre Schuhe verlor, in die mystische Welt der spätestens von Hollywood entwickelten, weiblichen Romantikkomplexe zu verfrachten! Der letzte Hort von Testosteron in diesem Werk waren wohl die 3 Nüsse …

Mit diesem Tag begann Weihnachten zu Weinnachten zu werden. Mutter und (Schwieger-)Tochter saßen von 11-18 Uhr durchweg heulend vor dem Fernseher, um von NDR über HR und RBB bis SWR in einer Tour die Großpackungen vollzurotzen, die die Herren des Hauses in weiser Voraussicht mühsam erstanden hatten, als sie pünktlich am 24. Karstadt oder Kaufhof stürmten und das letzte Parfüm im Regal dem Kontrahenten aus den Händen rissen.

Die Herren aber, je nach Alterskohorte, stachen sich entweder die auf einer Decke verteilten Legosteine in die hernach das Teppichmuster als Relief auftragenden Knie oder machten, war der Sohnemann im angemessenen Alter, was sich an Heilig Abend nunmal gehörte: das Vorabtesten der Feuerzangenbowle und, respektive oder, das rechtzeitige Abschmecken des Kartoffelsalats mit beiliegenden Würstchen – bis nichts mehr da war. Als die Damen die luftige Leere in den Behältnissen wahrnahmen, wurde das eine aus Porzellan zerschmissen und die nächste Großpackung Tücher verbraucht.

Für den häuslichen Frieden aber waren die russischen Märchen vorteilhafter. Bei Дед Мороз (Väterchen Frost) schliefen, nachdem in angemessener Kurzweil über die ordnungsgemäße Betonung des Namens Баба-яга (richtig ist hier die Verdeutlichung der ersten und vor allem letzten Silbe; also nicht babajaaaga) diskutiert wurde, alle selig ein. Vater träumte davon, wenigstens diesmal keinen Schlips mit Tieren drauf oder karierte Socken zu bekommen, und Mutter sprühte schon im Traum zum 4711. Male den hoffentlich von einem glänzenden Geschmeide geschmückten Hals.

So hatte alles seine Ordnung – in erster Linie die Geschlechterklischees der hier dargestellten Nimm2-Familie …


Cover: Dirk Vorderstraße cc by 2.0

 

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