Auch Rostock hat Persönlichkeiten hervorgebracht, man glaubt es kaum. Darunter ein Schriftsteller, dessen Bekanntheitsgrad in keiner angemessenen Relation zu seinem Werk steht. Dieser Diskrepanz soll nun Abhilfe geleistet werden.

Die letzten Jahre verbrachte der Chronist vorwiegend in Nartum, einem kleinen Nest im provinziellen Nirgendwo zwischen Hamburg und Bremen. „Ein wenig Höhle, ein bisschen Gutshaus, Schule und Kloster.“ Hier in seinem Haus „Kreienhoop“ fanden die „legendären Literaturseminare mit Schriftstellergrößen wie Harry Rowohlt und Martin Walser statt“.
Von Marikke Heinz-Hoek in einem Video verewigt, sieht man den langhaarigen „Swingheini“ als gekämmtes Albert-Einstein-Imitat durch das eigene Haus schlurfen, was durchaus als liebevolle Beschreibung aufgefasst werden darf. Zu dieser Zeit, zwei Jahre vor seinem Tod 2007, wohnte Kempowski praktisch in seiner eigenen Ausstellung. Seine Frau Hildegard führt heute noch die schon zu Lebzeiten gegründete Stiftung. Man schließt den kleinen, greisen und verschrobenen Künstler schnell in sein Herz. „Das ist das Reich meiner Frau. Also ich hab hier eigentlich gar nichts zu suchen. Ich geh hier abends – wenn ich sie besuche, sozusagen – denn geh ich hierher. … Ich wohn‘ auf der Seite und meine Frau hier.“
An der Wand hängt sozialistische, den Arbeiter idealisierende Kunst neben Kupferstichen mit Rostocks Stadtansicht aus dem Jahr 1900.

„Ich kauf alle Gemälde von Rostock. Das ’s‘ meine Heimatstadt, lieb ich sehr.“

Auch Miniaturdarstellungen der Stadt aus Holz stehen in Vitrinen. Bücher reihen sich in die Unendlichkeit. Tagebücher, Geschichtswerke. Tolstoi als Büste: ein Idol. Porzellan und Holzfiguren, so weit das Auge reicht. „Manche würden sagen, das ist Kitsch. Aber das sind die, die nicht richtig hingucken. Die sehen nicht, was für ’ne Kunst das eigentlich ist.“ Unter einem grünen Tuch eine gewaltige Bibel mit „wunderschönen Bildern, nech?“ und auf dem Tuch ein kleiner Koran. „Da suche ich gerade noch ein schön’res Exemplar mit schönen Bildern …“ Im Tagebuch-Archiv (8.000 Bände) liegen Pappschilder mit Aufschriften wie ‚Habe Hunger‘, „von Bettlern, nech. Sind ja auch, wenn man so will, Biografien. Ich geb den’n immer 10 Euro dafür und die wollen die gar nicht wirklich hergeben.“

Zwischen gebrannten Tonfliesen im Boden tanzt eine Stelle aus der Reihe; an seinem Arbeitsplatz ein Stein aus dem Bautzener Gefängnis: „Dort hab ich immer meine Füße drauf.“ Glasvitrinen mit Essensschalen aus dem Gefängnis in den Ausstellungsräumen. Andere würden das auf ewig verbannen. Doch Kempowski sah in vielem eine Biografie, eine menschliche Symbolik. So auch bei sich selbst.

Im Jahr der großen Wirtschaftskrise wird er am 29. April in Rostock geboren. 1948, im zerteilten Deutschland ohne Friedensvertrag und im Alter von 18 Jahren, verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal Kempowski, samt Bruder, zu 25 Jahren Zuchthaus. Bruder Robert, der die väterliche Reederei in Rostock fortführte, hatte Walter Beweise über die zusätzlichen Demontagen der Sowjets zugeführt, die dieser dem US-Nachrichtendienst CIC zuspielen sollte. Kempowski war aus Wiesbaden, wo er nach einer Kaufmannslehre in Rostock und Hamburg als Verkäufer Arbeit gefunden hatte, auf Besuch bei Mutti, als sie verhaftet wurden. Letztere bekam wegen „Nichtanzeige von ausländischen Agenten“ 10 Jahre Zwangsarbeit. Die Reederei des Bruders wurde mit Haftbeginn aufgelöst.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung 1956 holte Kempowski in Hamburg das Abitur nach und studierte in Göttingen Pädagogik. Er fing an aufzuzeichnen, und zwar sich selbst: Tagebücher. Aus seinem Innersten entstand bald die „Deutsche Chronik“. Eine Sammlung autobiografischer Romane, der bekannteste wohl „Tadellöser & Wolff“, die, entgegen jeder chronologischen Reihenfolge geschrieben, von 1971 bis 1984 in neun Bänden veröffentlicht wurden. Teilweise sogar vom ZDF in Mehrteilern in den Siebzigern verfilmt, hier noch ohne Veronika Ferres und Heino Ferch.

Die eigene Biografie als „Deutsche Chronik“ aufzufassen, lässt Höhenflüge vermuten. Nicht so hier: Es ist das Ideal des deutschen Bürgertums, das in dieser Reihe seinen Niedergang feiert. Kempowski erzählt, indem er es an seinem Beispiel beziehungsweise dem seiner Familie manifestiert, die Geschichte der typisch-deutschen, bürgerlichen Familie zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Flucht und Teilung.

Damit stand Kempowski nicht allein. Auch Günter Grass tat und tut das in ähnlicher Weise. Doch den Unterschied stellte Hellmuth Karasek 2007 in seinem Nachruf heraus: „Kempowski war nie laut. Aber er war beständig in seiner Wahrheitssuche. Erst im Tod offenbarte er auch das schreiende Unrecht, das ihm Moralin-Apostel wie Günter Grass zugefügt hatten. Kempowski war größer als Grass.“

Zu der persönlichen und doch allgemeinen Chronik gesellte sich später das „Echolot“. Eine Tagebuchsammlung, an der heute kein Kriegshistoriker vorbeikommen wird. In mehreren schweren Bänden teilen sich Akteure einer grausamen Epoche aus allen Schichten mit. Ob aus dem Künstleratelier im Exil oder von der Front. Kempowski collagierte Einträge von Hitler, Stalin, Churchill, aber auch von Schriftstellern wie Thomas Mann bis hin zu einfachen Soldaten mit unbekanntem Namen. So schaffte er es, die Zeit festzuhalten, auf Papier. Gerade jetzt, wo allmählich die Zeitzeugen ausgehen, wird einem bewusst, warum es Kempowski 2002 verdient hatte, für seine Tätigkeit die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Uni Rostock verliehen zu bekommen.

Cover: © Rainer Schulz 2007