Fußball und Nationalismus. Zwei Begriffe, die in diesem Sommer zumindest in Deutschland scheinbar nicht zu trennen waren. Von hinter Fahnen verstecktem Ausländerhass bis zum „Gaucho-Gate“. Von sensibler Kritik bis Überempfindlichkeit war alles dabei.
Über die Kirche im Dorf: Ein Plädoyer für die Freiheit.

Nelson Paviotti. Ein Mann, 4 Farben. Grün, Gelb, Blau und Weiß. Nach einer verlorenen Wette hat er sich verpflichtet, sein Leben nur noch in den Farben der brasilianischen Nationalflagge zu streichen. In den deutschen Medien wurde sich anekdotenhaft gerne über dieses Symbol von Nationalstolz amüsiert. Man bekam das Gefühl, der wäre ja ein cooler Typ und er liebe, ganz südamerikanisch, das Leben, wie sein Auftreten im gelben Anzug auf einer Beerdigung zeigen würde.
Stellen wir uns das Ganze mal in Schwarz-Rot-Gold vor. Da bekommt man doch sicherlich ein anderes Empfinden. Man stellt sich gleich einen Schritt weitergehend das Jugendzimmer der Vinyard-Brüder aus American History X vor. Doch Warum? Liegt es am typisch deutschen Bewältigungsproblem, am Spießbürgermief? Am ewig grantigen Jammerlappen, der hinter dem Fahnenträger steckt? Am zu Hause mit Dosenbier dahinvegetierenden Ruhrpott-Proleten, der hinter verschlossener Tür rassistische Witzchen reißt, während türkische und polnische Migrantenkinder die Tore für Deutschland erzielen?

Zuallererst: Er ist primitiv, der Nationalstolz. Volker Pispers würde sagen: „Patriotismus. Eine Zusammensetzung aus dem lateinischen Vater und Idiot. Das sagt doch alles.“ Der dümmste Stolz ist nun einmal der Nationalstolz, da für ihn nichts geleistet werden muss. Dennoch lässt sich für jeden Patrioten ein gewisses Verständnis aufbringen. Jeder etwas Fußballinteressierte verspürt doch während eines Spiels die Verbundenheit mit seinen Landsleuten. Genauso wie er die Verbundenheit mit einer Lieblingsmannschaft, oder einem sympathischen Lieblingsspieler verspürt, wenn zwei andere Staaten sich im Fußball messen. Oder es ist einem herzlich egal. Gleichzeitig stellt man aber fest, dass auch die Verbundenheit mit dem Gegner der eigenen Landsleute möglich ist, verspürt der Zuschauer eine wie auch immer verursachte Abscheu gegenüber seinem eigenen Land, sei es der Regierung wegen oder aus gesellschaftlichen Gründen.
Das Problem bei der Betrachtung des deutschen Nationalstolzes ist zum einen die deutsche Geschichte und zum anderen der Gebrauch von Symbolik. Letzteres lässt sich einfach auf den Punkt bringen: Die Masse der Public-Viewing-Besucher schwingt sicherlich nicht die schwarz-rot-goldene Fahne, weil die Verbundenheit mit der Nation im Ganzen ausgedrückt werden soll, sondern die Verbundenheit mit der Mannschaft, die die Nation vertritt und für die nunmal keine einfache Symbolik vorherrscht. Oder würden Sie sich das Emblem des DFB auf die Wange stempeln? Deutschland wird dann einfach mit Nationalmannschaft gleichgesetzt. Das Wort ist kürzer und lässt sich leichter singen als deutsche Nationalmannschaft. Ganz pragmatisch.
[Zwischenbemerkung: Dass es durchaus Periphermenschen gibt, die in ihrer stumpfsinnigen Herrenmenschenideologie verweilen, ist mir bewusst. Dass diese auch Fußball gucken, erstrecht. Jedoch werden diese hier keine Rolle spielen, da ihre Einstellung zum Nationalismus immer wieder mehr als deutlich zur Schau gestellt wird und daher keiner Diskussion bedarf.]
Über das Ausmaß dieser Fahnensymbolik macht sich der gemeine Bürger jedoch nur selten Gedanken. Dass für ebenso viele der Anblick einer Menge an Deutschen, die die Nationalsymbole wehen lassen oder sich auf die Wange schmieren und dabei die Nationalhymne singen, Erinnerungen an begeisterte Volksmassen aus den 30ern weckt, ist verständlich, jedoch sehr weit hergeholt. [Apropos Hymne: Für alle, die bei der deutschen Hymne aufstehen und sich danach wieder setzen, sei gesagt, man kann auch stehen bleiben bei der anderen Hymne. Das zeigt Respekt. Hat was mit Wertschätzung zu tun. Also entweder für beide Hymnen aufstehen oder bleiben lassen.]
Im Gegensatz zu damals stehen und sitzen heute auch Mitbürger sämtlicher Hauttöne, Weltbilder (religiöser und politischer Natur) und Handicaps in diesen Massen.
Zum Finalspiel durfte ich die Fußball-Begeisterung eines rumänischen Erasmus-Studenten im Deutschland-Shirt kennenlernen. Seine Freude galt sichtlich dem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft und nicht Deutschland im Allgemeinen. Zwischen zwei spannungsgeladenen „Whooooo“s, aufgrund knapp verfehlter Torschüsse, durfte eine Kritik an der Europapolitik der deutschen Regierung, im Speziellen Frau Merkels, seinerseits nicht fehlen. Als ich ihm von den geplanten Ausnahmen beim Mindestlohn erzählte, war er völlig erstaunt: „Exceptional cases?! Minimum wage is minimum wage!“
Sollte das nicht ein Zeichen gegen jeden Gedanken an Fremdenhass und Selbstherrlichkeit der Deutschen sein? Warum machen wir so ein Aufhebens darum? Die NPD hat bei der Europawahl nur 0,9 % geholt, in Frankreich war der Front National stärkste Kraft. Ist das Thema nicht langsam vom Tisch? Nein, denn immer noch gibt es den Alltagsrassismus, der so subtil abläuft, dass wir ihn gar nicht in allen Fällen als einen solchen wahrnehmen. Die Maut für Ausländer wäre so ein Fall. Oder auch Seehofers „Wer betrügt, der fliegt!“. Die CSU als Front Bavaria?! Würde man diese Stammtischparole aus der bayrischen Provinz in der Bundespolitik ernstnehmen, sollte man sich fragen, warum der Vorstand des ADAC, Uli Hoeneß und/oder Alice Schwarzer – die Liste wäre endlos – noch nicht ausgewiesen wurden. Stimmenfang am rechten Rand: leider scheint es teilweise zu funktionieren. Aber das ist Demokratie, damit muss man sich erst einmal abfinden. Und dann dagegen arbeiten.
Beim Thema Alltagsrassismus wäre auch der Eindeutschungstest, den Migranten bestehen müssen, zu hinterfragen. Hierzu reicht es jedoch völlig Jochen Malmsheimer zu Wort kommen zu lassen: „Ich habe diese Tests ja immer für eine paradigmatische Kubikblödheit gehalten. Denn: Würde man alle Naturaldeutschen eines solchen unterziehen, wären Studienplatzmangel und Wohnungsnot Probleme von gestern. […] Nicht, wo einer herkommt, ist relevant, sondern, wo er bleibt und wo er dann hin will!“ Was hat der Mann? Recht hat er.

Sehen wir uns Alltagsrassismus in Fußballregeln an: Der Profifußball birgt Ausländerquoten. Geregelt wird, wie viele Deutsche oder wie viele Nicht-EU-Bürger auf dem Platz stehen müssen bzw. dürfen. Wozu das Alles? Um die Ausbildung deutscher Spieler zu schützen? Hürdenstellen für Migranten? Egal, wie man es dreht, es gibt keine logische Erklärung für solche Quoten, die nicht xenophobisch wären. Auch jede scheinbar wirtschaftliche Begründung, wie sie gerne für die ekelhafte Abgrenzung Europas gen Süden gegen Flüchtlinge vorgeschoben wird, ist letztlich, wenn nicht gleich rassistisch, so dann doch Klassenhass von oben oder wie auch immer man die Angst vor „Wirtschaftsflüchtlingen“ betiteln möchte. Schließlich stellen doch der Flüchtlingsstrom oder die Wirtschaftsmigration auch nur Folgen unseres eigenen politischen Handels dar, deren Lösung sicherlich nicht die Abschottung sein kann. Die Abschottung des „eigenen“ Staates gegen Fremde ist eben auch ein Teil von Nationalismus. Es gibt doch nichts Bescheuerteres, als zu glauben, dass das Land, in dem man geboren wurde, das „eigene“ sei und man Teil einer Aktiengesellschaft wäre, der dieser Grund und Boden gehöre und man somit den Türsteher mimen dürfe; um dann, wie es die Jungs von Rammstein so vortrefflich vertont haben, dem Fremden „Mein Land! Meine Welle und mein Strand! Mein Land!“ entgegenspucken zu können. Da findet sich der deutsche Spießbürger wieder, der seinen perfekt geschnittenen Vorgarten verteidigt, dass die Zwerge nicht ins Wanken geraten, und singt beim Fußball Oli Pochers „Schwarz und Weiß, wir stehen an eurer Seite“ mit. Ein Titel, der in seiner Mehrdeutigkeit in Bezug auf Deutschland kaum zu übertreffen ist. Nicht nur, dass die preußischen Farben auch heute noch immer die Trikotfarben darstellen – offiziell die Farben des DFB -, auch die Egalität der Hautfarben beispielsweise eines Kroos und eines Boatengs werden hiermit besungen. Doch zu guter Letzt untermalt der Refrain melodiös die Kernkompetenz eines deutschen Idealtyps im weberschen Sinne: Das Schwarz-Weiß-Denken. Der Deutsche „an sich“, vielleicht auch der Mensch „an sich“, hat den Begriff des Kompromisses unter „Wenn-zwei-sich einigen-und-einer-schlecht-wegkommt“ abgespeichert. Schlecht wegkommen will er nicht, der Deutsche. Er kann nur links oder rechts. Und das ist dann alternativlos. Er kann nicht Fußballbegeisterung mit und ohne Fahne. Er kann nur antideutsch Fußballgucken, mit wenig Enthusiasmus, oder selbstherrlicher Nationalismus, mit zu viel Enthusiasmus. Er kann nicht Gendern im Neutrum. Er muss die Ewigkeit im generischen Maskulinum durch eine neue Ewigkeit im generischen Femininum kontern. Er kann nicht „alle-packen-das-zusammen-an“. Er kann nur „starke-Einzelperson-macht-das-schon“.

„Und so was soll mein Volk sein? Die sind mir einfach zu blöd. Bevor die merken, was los ist, ist es meistens leider zu spät.“ – Funny van Dannen

Deshalb jetzt ein Kompromiss: wir lassen mal demnächst den selbstherrlichen Quatsch weg und gucken einfach nur Fußball. Und freuen uns, für wen auch immer wir uns freuen wollen. Ohne Biergläser, die Cocktailgläser zerstampfen. Ohne Rindersteaks, die von Kartoffelsalat übergossen und mit einer Wiener garniert werden (obwohl das schon wieder lustig war, weil es das Bierglas so schön persifliert hat). Oder sonstigen schwachsinnigen, bigotten 50er-Jahre-Stammtisch-Kulturklischée-Scheiß mit dem sich der Sieger in den Himmel heben will, um dann auf dem am Boden liegenden Verlierer rumzutrampeln.
Verstehen wir den Fußball wieder als Sport. Freuen wir uns, dass die Welt sich im Sport messen möchte und nicht im zielgenauen abfeuern von Atomwaffen. Kommen wir doch weg vom Gedanken der zu verteidigenden Staatsgrenzen und verstehen den Staat endlich als das, was er ist und auch sein sollte: Ein Konstrukt zur Vereinfachung der Verwaltung des Zusammenlebens von Menschen innerhalb eines Gebietes. Darauf braucht man nicht stolz sein. Und da darf auch mal jemand dazu kommen oder ausfallen.

Hören wir auf, uns gegenseitig anzupissen. Feiern wir das Leben. Wo, mit wem und in welchen Farben auch immer.

 

Foto: CC by-nc-nd 2.0 SpreePIX