Utopie-Mangel oder Vom Überdenken des Denkens

Die momentane Debattenkultur zeigt einen Mangel an guten, humanistischen Utopien. Eine Bundestagsrede von 2013 zeugt von kluger Selbstreflexion, die leider eine einmalige Sache geblieben ist.

Ein Parlament, in dem die Opposition in ihrer Mitgliederzahl kaum die der Saaldiener_innen übersteigt, gibt sich ehrlichen Debatten nur noch in einer Häufigkeit hin, deren Promillewert zum legalen Kraftfahren locker gereichte. Bei der Lektüre von Roger Willemsens Jahresstudie aus dem Deutschen Bundestag von 2013 zeigt sich das noch recht differenzierte Bild zwischen den theatralisch gespielten Nacherzählungen der Debatten aus den Ausschüssen, den erzwungenen Gedenkminuten, die zu ertragen viele Abgeordnete als lästigen Pflichttermin körperlich widerspiegeln, und den lichten Momenten, in denen das Parlament seiner eigentlichen Funktion nachkommt. In denen es Fraktionen mal Fraktionen sein lässt und über eine ideologieübergreifende Lösung debattiert.

Grundsätzlich aber zeigt sich im Parlament eine simple Dichotomie der Anhänger der Gegenwart („Deutschland geht es gut.“), meist Mitglieder der Regierung, und denen der Zukunft, die häufig der Opposition angehören. Dabei lassen sich die immer gleichen Floskeln der Schuldzuweisungen finden, der platten Ideologiezuschreibungen ohne auch nur den Schein eines Gespräches über die Sache zu wahren. Und gerade deshalb hat es mich und auch Roger Willemsen zutiefst beeindruckt, wenn jemand mit diesen Plattitüden bricht:

„Erstens: Wir mögen nicht mehr fortschrittsgläubig sein, aber wir sind zutiefst technikgläubig, bis in die Tiefenstrukturen unseres Denkens hinein. Das ist das vielbeschworene Gehäuse der Hörigkeit, das wir durch unseren Lebensstandard kommod ausgestattet haben. Wir sind wohlgenährte Troglodyten unserer technischen Möglichkeiten. Technikfolgen haben wir noch immer mit irgendeiner Folgetechnik bewältigt. Ich frage hier lediglich skeptisch: Können die Probleme auf Dauer mit der Form des Denkens gelöst werden, die uns die Probleme eingebracht hat?
Zweitens: ‚Wo keine Götter sind, da walten Gespenster‘, so Novalis. Die technische Zivilisation hat ihre metaphysische Heimat längst verloren. Die permanente existentielle Absturzgefährdung wird durch die Gespenster unserer Zeit abgesichert: Konsum, Bedürfnisbefriedung, die Zufriedenheit im Materiellen, der Rausch und der Reiz des Neuen. Unser Gespenst, unser Fetisch, ist das Wachstum. Kommt es abhanden, stoppt der Motor, bricht Panik aus. Zu viel hängt davon ab. […]
Drittens: Wir haben häufig über die Ambivalenz des Fortschritts diskutiert. Der Begriff scheint eingedunkelt, aber nach wie vor von faszinierender Strahlkraft. Immer noch verspricht er Befreiung von Mühsal und Plage, von Arbeit und Anstrengung. Immer noch steckt dahinter die Vorstellung, der Mensch könne das verlorene Paradies durch die Umgestaltung der Natur zurückgewinnen und sich im Zuge dessen gewissermaßen selbst zivilisieren und veredeln.
Das ist eine zentrale Idee im Projekt der Moderne. Darin zeigt sich noch heute ihr überschießendes normatives Potential. es muss aber eingebunden werden in ein Bild des Menschen, das ihn als Person ernst nimmt. Hierzu hat gerade die katholische Soziallehre in den letzten Jahrzehnten viel Nachdenkenswertes beigetragen. Ich wünsche mir persönlich, dass vor allem die Union diese Ideen aufgreift, kreativ umsetzt und politisch wirksam werden lässt. Wir wollen als Union nicht nur der Sachwalter des Bestehenden sein, der alles, was wirklich ist, als vernünftig verklärt, und ebenso wenig sollten wir in den Paradigmen reiner Marktliberalität gefangen bleiben. Dies sollten wir anderen überlassen.
Wir sind keine ‚gottlosen Selbstgötter‘, um ein böses Wort von Heinrich Heine aufzugreifen […]. Wir müssen schon den Ehrgeiz haben, die Gesellschaft nach einem Transzendenten verhafteten Bild des Menschen zu gestalten. Ich habe in den vergangenen 28 Monaten viel gelernt: in den Sitzungen wie in den Arbeitsgruppen, durch Widerspruch ebenso wie Zuspruch. Das Lernen war nicht nur ein inhaltliches; es bestand auch in der Erfahrung der Kooperation über Fraktionsgrenzen hinweg. Im fachlichen Ringen hat sich manche persönliche Hochachtung entwickelt – auch Freundschaft. Am Ende bedrängte uns aber der Eindruck, dass wir noch mehr hätten machen können. Manche Fäden blieben unverbunden liegen. Ich wünsche mir, dass der Deutsche Bundestag an den aufgeworfenen Fragen weiter arbeitet.
Wir können es dem Deutschen Bundestag zumuten, sich mit einem Bericht auseinander zusetzen, der nicht schon von vornherein die eingeübten Lagerzugehörigkeiten abbildet. Das erfordert von allen Fraktionen ein wenig mehr Mut und ein wenig mehr Vertrauen. Aber ich glaube es lohnt sich.“1

Roger Willemsen spricht hier zu Recht von etwas, „was man als ‚große Rede‘ begreifen kann“2 . Denn das „Erstaunliche der Rede […] liegt auch in der Fähigkeit, diese auf der Basis christdemokratischer Überzeugungen zu artikulieren und sie gleichzeitig selbstkritisch anzulegen“3 . Es ist ein Mitglied der CDU/CSU-Fraktion, dass hier am 6. Juni 2013 den Wunsch äußert, dass sich seine Genoss_innen ihrer Verantwortung wieder bewusst werden und über den eigenen Stammtischteller hinausdenken. Matthias Zimmers Appell bekam fraktionsübergreifend Applaus: von SPD, Linken, Grünen und den Abgeordneten Stefanie Vogelsang (CDU/CSU) und Frank Heinrich (CDU/CSU). Seine eigene Fraktion hat sich dafür nicht interessiert. Leider war das auch die letzte herausragende Rede von Matthias Zimmer, verfolgt man seine Antworten auf abgeordnetenwatch.de. Er ist zurück im „Wir schaffen das“-Gegenwarts-Modus.

Dr. Matthias Zimmer auf dem Parteitag der CDU 2012. Foto: CDU/CSU-Bundestagsfraktion - CC BY-SA 3.0
Dr. Matthias Zimmer auf dem Parteitag der CDU 2012. Foto: CDU/CSU-Bundestagsfraktion – CC BY-SA 3.0

Bei der Betrachtung der Verfahrensweise mit den Hunderttausenden Menschen, die aus Armut, Krieg und politischer Verfolgung in die „Heile Welt“ Europa strömen, schien es mir angebracht, ihn hier erneut zu zitieren. Willemsen spinnt den Faden Zimmers weiter:

„Nur Zeiten, die vieles zu wünschen übrig lassen, sind auch stark im Visionären. Diese Zeit ist es nicht, deshalb befindet sich die Zukunft auch eher im Stillstand. […] Die Utopie hat keine Konjunktur, und wie alle Ressourcen wird auch die Zukunft knapp. Am Ende aller Berechnungen ist sie eben keine Unbekannte mehr, und was kommt, kommt nicht als Utopie, sondern als Aufgabenstellung für den Pragmatismus.“4

Das offenbart sich nun auch in der Herausforderung im Umgang mit den Geflüchteten in Europa. Weil eine Vorstellung von der Zukunft fehlte, wurde diese „Völkerwanderung“ zur Aufgabe für den Pragmatismus. Auch der Schriftsteller Ilja Trojanow formulierte auf dem Blauen Sofa der Frankfurter Buchmesse 2015, dass es an Visionen und Utopien fehle, gleichzeitig scheine unsere Zivilisation jedoch, aufgrund der vielen versuchten Umsetzungen, die im 20. Jahrhundert so fehlgeschlagen seien, keinen Bedarf mehr an Utopien zu haben.

Differenziert man den Begriff der Vision nicht weiter aus, haben selbst die Teilnehmenden an Demonstrationen von PEGIDA und „XY wehrt sich“ eine Zukunftsvision. Wer wissen will, wohin diese führen wird, dem sei das Ende der Verfilmung von „Er ist wieder da“ empfohlen. Hier herrscht eine Vorstellung von der „idealen Zukunft […] als die Wiederkehr des Vergangenen vor“5 , wie Willemsen das formuliert.

Die Utopien, die sich aber Trojanow, Willemsen und auch meine Wenigkeit wünschen, sind zutiefst humanistisch und docken dort an, wo Matthias Zimmer in dieser einen Rede endete. Er forderte nämlich eine Abkehr von der Verwaltungsregentschaft des Kabinett Merkels hin zu einer Zukunftsgestaltung durch die Repräsentanten. Dazu bedarf es jedoch der Entwicklung von humanistischen Utopien im Souverän, der repräsentiert wird. Und das sind schließlich wir alle. Also: Viel Erfolg beim (Um-)Denken.

Cover: Fabien cc by-nc-nd 2.0

  1. Bundestagsrede von Matthias Zimmer (CDU/CSU) vom 6. Juni 2013, zitiert nach: Willemsen, Roger: Das Hohe Haus, Frankfurt 2015, S. 260-262. []
  2. Willemsen, Roger: Das Hohe Haus, Frankfurt am Main 2015, S. 260 []
  3. Ebd, S. 262. []
  4. Ebd., S. 263. []
  5. Ebd. []

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