Umarmt das „Pack“

Merkel und Gabriel in Heidenau. Was lange wärt, wird endlich gut? Über erstaunliche Einsichten, einige kluge Sätze und Selbstreflexion von uns Besserwissern in der Debatte um Geflüchtete.

Wenn Angela Merkel irgendwo in Deutschland aus ihrem chauffierten CO2-Produzenten steigt, kann sie normalerweise erwarten, bejubelt zu werden. Das tumbe Klatschvolk aus orangenen JU-Fahnenschwenker_innen und Eis schleckenden Omis begleitet sie normalerweise auf Schritt und Tritt. Das ist wohl auch der Grund, weshalb sie der Menge fröhlich zuwinkt, egal, wo sie gerade ist, und egal, wie die Menge reagiert.

In Heidenau schwenkt niemand orangene Fähnchen. Eher braune oder schwarz-weiß-rote. Und niemand jubelt, die Kanzlerin wird ununterbrochen ausgebuht. Dennoch winkt sie.

Wäre sie in Rostock ausgestiegen und 500 Student_innen hätten sie ausgebuht, weil sie sich seit Jahren nicht für eine bessere Finanzierung der Universitäten einsetzt, hätte man das toll gefunden. Für einen kurzen Moment gefällt einem dieser Anblick in Heidenau auch. Die Kanzlerin erfährt endlich, dass nicht alle Bürger_innen ihre Politik gutheißen. Doch dann reißt mich ein Satz aus meinem Traum:

„Für Alles ist Geld da, nur für die eigenen Leute net.“

Ja, die eigenen Leute. Jedes Kind in der Schule lernt bekanntlich, die Kanzlerin hat eigene Leute. Ca. 80 Millionen. Die gehören ihr. Und dann muss sie auch für die eigenen Leute sorgen. Alle, die nicht ihre eigenen Leute sind, also Ausländer, Flüchtlinge, Nicht-Deutsche und der Nachbar, dessen Katze immer an das eigene Auto pinkelt, kriegen nichts. Dann ist die Welt in Ordnung. Zumindest für den Vergessenen im Tal der Ahnungslosen. Und dafür kann man schon wieder Verständnis aufbringen. Jede Person will schließlich ein möglichst sorgenfreies Leben leben. Da ist es, leider, ganz normal, dass man sich darüber aufregt, wenn jemand, der in Syrien Arzt war und dessen Smartphone die Flucht überlebt hat, ein so schönes 12 m²-Zimmer mit fünf anderen teilen darf, und man selbst jeden Tag den Dauerwelle-Drachen, den man vor 30 Jahren beim Saufen an der Bushaltestelle Dorfstraße unsittlich berühren durfte, auf 60 m² ertragen muss.

„Fotze! Volksverräterin!“

Was Merkel am Ende ihres Besuches in die Mikrofone brabbelt, enthält das übliche Blabla. Dieses ständige Lob der Ehrenamtlichen lässt meine Ohren schon seit Monaten bluten. Wenn die Pläne für Gesetzesänderungen zur Lösung von seit Ewigkeiten bekannten Problemen mal umgesetzt würden, bevor sich irgendwo ein Lynchmob bildet, bräuchte man das Ehrenamt gar nicht. Warum müssen immer Freiwillige die Löcher stopfen, die die eigentlich Zuständigen seit Jahren aufreißen?

„Man darf nicht immer nur nach dem Aufstand der Anständigen rufen, sondern es muss auch den Anstand der Zuständigen geben.“

Gegenüber der Kanzlerin, die erwartbare Standardsätze in die Mikrofone absondert, überrascht Sigmar Gabriel mein lange von ihm enttäuschtes Gemüt.1 Wobei Enttäuschung nur entstehen kann, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Daher ist das eigentlich der falsche Begriff. Erwartungen hatte ich ja nie.

Jedenfalls ist in diesem Statement viel Schönes dabei, wobei das natürlich nur Sätze sind und keine Taten. Das Wichtigste, dass ich schon oben ansprach und auch der Vize-Kanzler erkannt zu haben scheint, ist, dass der wütende Mob Gründe hat, warum er wütend ist. Es gelte nicht nur die „Flüchtlinge“, sondern auch die sich nicht mehr mitgenommen fühlenden Biodeutschen wieder zu integrieren.

Denn diese Menschen wurden fallen gelassen. Die meisten nach der Wende, als Kohl mit seiner Treuhand verbrannte Erde und eben nicht blühende Landschaften im Osten Deutschlands hinterließ und sehr viele Menschen einen gewaltigen Biografiebruch erlitten haben.2

Viele von diesen – auch im Westen – Vergessenen sind anfällig. Anfällig für die einfache Lösung. Anfällig für den „starken Mann“, der anpackt und ihnen Geschenke macht und ihr seit 25 Jahren totgetrampeltes Selbstbewusstsein stärkt, indem ihnen gesagt wird, dass sie die eigentlich besseren Menschen sind. Es ist ihnen dabei auch ziemlich egal, ob das rassistisch, chauvinistisch oder sonst wie menschenverachtend ist, woran sie da glauben. Was auch ein wenig daran liegt, dass niemand in der Schule wirklich lernt, was eigentlich Rassismus ist. Deshalb haben auch alle einen dunkelhäutigen Bekannten, der ja ’n echt netter Kerl sei, aber in Facebookkommentaren wird trotzdem von der bösen Kulturdurchmischung und dem Ende der ach so guten Reinrassigkeit gefaselt.

Kommentar eines fb-Users innerhalb einer Diskussion um Strafanzeigen gegen Volksverhetzer, auf die Nachfrage, was so toll an Patriotismus und dem identitären Erbe Deutschlands sei.
Kommentar eines fb-Users innerhalb einer Diskussion um Strafanzeigen gegen Volksverhetzer, auf die Nachfrage, was so toll an Patriotismus und dem identitären Erbe Deutschlands sei.

Gabriel fordert Wohnungsbau nicht nur für Flüchtlinge, auch viele andere bräuchten bezahlbaren Wohnraum. Auch die erwähnten Vergessenen verdienten wieder Qualifikation, Weiterbildung und Zugang zu Arbeitsplätzen.

Und hier verkneife ich mir polemische Hinweise auf Hartz IV und weitere Altlasten, die unter anderem die SPD in den letzten Jahren verbrochen hat. Denn, und da hat der Vizekanzler gar nicht so Unrecht: Der Verantwortung von Kommunen, Ländern und Bund und den demokratischen Parteien jetzt mit parteipolitischem Hickhack und Schuldzuweisungen im Weg zu stehen, verhindert jegliche Verbesserung.

Wir dürfen gespannt sein, ob es in Heidenau leere Worte waren, die der SPD-Chef äußerte. Sehen wir nach unzähligen Monaten des zynischen Danebenstehens und der Friedensnobelpreisheuchelei der EU jetzt endlich den notwendigen Anstand der Zuständigen?

Der Aufstand der Besserwisser

Wenn man sich im sozialen Netzwerk in den Kommentaren zu dieser Thematik betätigt – entgegen der Ansicht von forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner tummelt sich hier eben doch das Volk3 – fehlt es vor allem an Bildung. Da hilft auch jegliche Weiterbildung nichts, wenn die Grundlagen fehlen. Differenzierung, Empathiefähigkeiten und Selbstständigkeit im humanistischen Denken. Selten zu sehen.

Auch der studierte Gabriel lässt sich erneut zu Aussagen über irgendeine Mitte und den vermaledeiten Rand hinreißen. Das wiederum führt mich zu der Frage, was eigentlich in den 80er Jahren in Göttingen im Bereich Politikwissenschaft vermittelt wurde. Wenigstens ein Mensch, der mindestens 5 Jahre seines Lebens mit politischer Theorie zu tun hatte, sollte doch kritisch über diese altbackene Einteilung der Gesellschaft in „Linker Rand – Mitte – Rechter Rand“ nachgedacht haben.4 Man kann 80 Millionen Bürger_innen nicht wie eine Kastanie durchbohren und anhand ihrer jeweiligen politischen Einstellung auf eine Kette fädeln. Dazu ist Politik viel zu komplex. Selbst Bourdieus sozialer Raum schafft es nicht, eine Darstellung von Realität zu sein. Und der hat mehr als eine Dimension.5

Und dann sind im sozialen Netzwerk noch wir. Wir kritischen Geister, die wir uns gern als Progressive, Linke, Cosmopolit_innen etc. bezeichnen und vielleicht mal ein Buch über Antisemitismus oder sonstige Ressentiments gelesen haben. Wir, die wir mit den „Fehlgeleiteten“ gerne „diskutieren“.

Wir begehen häufig den immer gleichen, arroganten Fehler. Wir belustigen uns. Wir amüsieren unseren besserwisserischen Geist auf Kosten von aus unserer Sicht ignoranten Kleingeistern, dabei sind wir in diesen Situationen selbst welche. Wir machen uns über fehlende Deutschkenntnisse bei selbsternannten Patriot_innen lustig. Wir werfen ihnen Begriffe an den Kopf, wie Antisemit_in, Rassist_in, Nazi. Wobei viele von uns selbst mindestens zwei dieser Begriffe nicht akkurat definieren könnten. Und dann freuen wir uns kurz, wenn die Person ins Rudern gerät oder simpel abblockt und sich gegen die „Nazikeule“ wehrt, obwohl er/sie diese vielleicht sogar zurecht verdient hat.

Wir sollten lernen, dass dieser Umgang mit Menschen, die noch bereit sind, offen zu diskutieren, letztendlich ein großer Fehler und ein Verlust ist. Ein verpasster Moment, diese Personen in die demokratische Gesellschaft zurückzuholen. Es ist nur kurzzeitig ein Gewinn für unser übersteigertes, linkes Besserwisser-Selbstbewusstsein, dass sich an der täglichen Stimulation des Humorzentrums durch infantile Schadenfreude ergötzt. Um am nächsten Tag den selben rassistischen Ideologie-Scheiß in den Kommentaren lesen zu müssen.

„Ich teile Menschen nicht auf in Nazis und Nicht-Nazis. Ich bin der Meinung, dass jeder einen inneren Nazi in sich trägt, und das ist die tagtägliche Herausforderung; den inneren Nazi in sich zu bekämpfen!“6

Es sollte nicht unser einziger Lebensinhalt sein und wir dürfen auch nicht in die Falle tapsen, uns selbst nur durch die Abgrenzung vom politisch Andersdenkenden zu definieren. Wir sind, weil wir nicht die anderen sind, ist genauso chauvinistisch, wie der Gegner, von dem wir uns immer so gern distanzieren. Wir dürfen nicht zu Thomas Mann oder Wolf Biermann werden.

Vielleicht sollten wir den Vergessenen und Zurückgelassenen endlich einfach das geben, wonach sie wie ein der notwendigen Aufmerksamkeit beraubtes Kleinkind seit Jahren lauthals verlangen: Umarmt das „Pack“ einfach. Nicht wirklich, nur metaphorisch. Gibt ihnen Argumente. Gibt ihnen Beweise. Aber lasst die Häme.

Cover: Ted Fu cc by-nc-nd 2.0

  1. Man denke nur an die Aussagen nach/bei einem Besuch einer Pegida-Veranstaltung Anfang des Jahres, SZ-Online 4.2.15 []
  2. Augstein, Franziska: Ausverkauf der Republik, in: SZ-online 17.5.2010, http://www.sueddeutsche.de/politik/ddr-treuhand-anstalt-ausverkauf-der-republik-1.137266 []
  3. Niggemeier, Stefan: Manfred Güllner, der Volks-Vertreter, http://www.stefan-niggemeier.de/blog/21964/manfred-guellner-der-volks-vertreter/ []
  4. Siehe hierzu als Einstieg: Klönne, Arne: „Die“ Linke, „Die“ Rechte – wo sind sie zu finden? via heise telepolis []
  5.  Berger, Peter A.: Vorlesung Sozialstrukturanalyse der BRD, Universität Rostock []
  6. Kaminer, Wladimir, in: 3Sat, „Kulturlandschaften“: Kaminer in Mecklenburg-Vorpommern, via facebook []

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.