TXT-Fest: Die Revolution ist vielseitig.

Die Veranstaltung zur Veröffentlichung der Weisz auf Schwarz #13 im Peter-Weiss-Haus vereinte neben Dadaismus im Superlativ und brachialem Anspruch auch jene in zwanghaft gespielter Konkurrenz stehenden Literaturzeitschriften Risse und Weisz auf Schwarz.
Don’t judge a book by it’s cover.

Ja. Es war ein Fest. Dem Publikum, den Moderatoren, den Künstlern wohl, aber auch meiner Winzigkeit. Und so fällt es mir schwer in Ermangelung von Objektivität eben jene zu liefern. So wage ich vage den utopischen Versuch, einen Bericht zu verfassen und werde doch am Ende eine Laudatio gehalten haben – auf den Abend. Prost.

Das unter dem Motto „Die Demokratie überwinden. Die Diktatur der Kunst verhängen.“ gestaltete Stelldichein begrüßte seine Gäste noch vor eigentlichem Beginn mit von „Schlepp Geist & Maré“ collagierten Sounds; elektronisch untermalte, von WAS-Herausgeber Steffen Dürre eingesprochene Texte. In diesen Versatzstücken fickte alles und jeder jedem und allem in den Arsch. Was im jetzigen Moment dem Leser vulgär und niveaulos aufstoßen mag, war im Grunde eine Persiflage, die ihresgleichen sucht und suchen wird. Bei Betrachtung der schwarz-rosa-golden behangenen, chaplinschen Bühnenausstattung relativiert sich ganz nebenbei alles zu einer harmonischen polyphonen Kakophonie.

Mit leichter Verspätung – Literatur kann nie pünktlich, nur punktuell oder auf den Punkt sein – begannen Steffen Dürre und Jens Lippert (Redakteur der Risse – Zeitschrift  für Literatur in M und V) die mit Moderation äußerst abschätzig beschriebene Abendgestaltung, welche eine Unterscheidung zwischen geplanter Improvisation und improvisiertem Plan unmöglich machte. Ein Vergleich mit Joko und Klaas würde wohl nicht nur den Literaten missfallen, sondern auch die Privatfernseh-Spaßmacher in ihre Einzelteile zerlegen.

Kunst kommt von Können: Es wäre albern, wenn nicht vermessen, das Können der 5+2 Darbietenden des gestrigen Wahnsinns bewerten, gar kritisieren zu wollen, wenn einem selbst jegliches Können für diese Form der Kunst vom Füller und der Zunge springt. So sei im Folgenden durch die bloße Niederschrift meiner spärlichen Notizen, eine möglichst interpretationsfreie Berichterstattung gegeben. Wobei Letztere aus Richter und Bestattung zusammengesetzt ist und so das Todesurteil der Kunst bedeutete. Deshalb sprechen wir lieber von einem aphoristischen Aquarell.

kluck

1. Oliver Kluck. Schreibender Mensch. Theatertexte. Dramatiker. Jutebeutel. M&O. [Aktuelles Stück: Über die Möglichkeiten der Punkbewegung. Läuft noch im Volkstheater Rostock.] „Wikipedia verfolgt mich.“ „Hat man erstmal einen Preis, folgen weitere automatisch.“ „Ich bin teuer.“ „Auftragsarbeiten sind scheiße.“ Künstlerfeindliche Arbeitsweise an Theatern. „Die Suche nach einem Land, in dem man niemanden kennt, wo es keine christliche Union gibt.“ Frau Macher: Das Schweizer Femininum von Superstar?

Die Technik scheitert. Geplant war, die verlesenen Machtwerke mit Hilfe eines Gebläses und eines Shredders im Publikum zu verteilen. „Der Text wehrt sich dagegen.“

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2. Mara Genschel. Der Schein der personifizierten Verwirrtheit. „Wir haben doch besprochen, dass es kein Programm gibt.“ Genschel hat das Heft in der Hand. Moderatoren zu Lakaien. „DU stehst jetzt einfach da, und hälst den Klebestreifen.“ Marx. Der Autor. Referenzfläche. Ideenklau unter Literaten. Der Autor im Nichts. Auf der Bühne herrscht der freigelassene Sinn des Irrsinns. Dürre zerschneidet Exkremente von „Der Autor“. Lippert und Genschel kleben zusammen. Wie baut man einen Text aus fremden Versatzstücken? Noch Dada, oder schon Gaga? Publikum im Kollektiv der Zwerchfellkrämpfe.

Pause. Erneut fickt jeder und alles jedem und allem in den Arsch.

badenhoop

3. Martin Badenhoop. Die Vorhaut des Kapitals. Liveschalte per Skype. Zwei Korken in Cork, Irland. Klangschalen-PDF. Japanisch. Heideggerhaiku. Akzentvolles Englisch.

Rückständige Entwicklungsländer. Mecklenburg-Vorpommern. Wider den berlinistischen Kulturimperialismus. Interview mit Sarrazin: Dürre als Puppenspieler; oral schneller als manuell. Anstößige Ergebnisse über die Verbesserung der Dichtkunst.

4. Wolfram Lotz. Hofft, dass man wenigstens seinen Namen richtig ausspricht. Text über Thilo Sarrazin über Bord geworfen. Verteidigungsrede eines somalischen Piraten vor dem Hamburger Landgericht. Akademischer Werdegang eines Diplom-Piraten. „Dinge im Arsch töten den zwitschernden Vogel in unserem Herzen.“ Entwaffnend.

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5. Lukas Rauchstein. Carloihdes Klavier. Grebesk. Stimmgewaltig: Bassstimme wäre untertrieben. Die Zunge Einsteins. „Für Depression gibt es keinen Mindestlohn. Nicht mal Hohn.“ Exzentrisch. „Geh nicht. Und wir verschlafen die Wahl.“ Triviale Revision der Liebe: „Auch das schönste Liebeslied ist beschissen, wenn die Liebe nicht mehr blüht.“ Volksnahes Kneipen-Akkordeon für Bardame Roswitha. Das Winterfest der Volkspoeten.

Literatur darf auch manchmal carloihde sein. Dennoch verweigerte Lippert letztendlich den Bruderkuss der gerissenen Weisz auf Schwarz. Aber bald dichtet, was verdichtet gehört. Die Bühnengestaltung war ziemlich dürre und kompletter Fasching. Aber Dank an Alle.

Fotos: Fabian Scheller

Cover: cc TXT-Fest-Logo – Steffen Dürre/Dirk Ramthor

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