Rostock steht zu seinen Soldaten?!

In den letzten Wochen prangte ein Plakat von Rostocks Litfaßsäulen und Straßenlaternen, das für erhitzte Gemüter sorgte. Jetzt zeigt in Teilen die Bevölkerung, was sie von Mitleid für Soldaten hält.

Ich persönlich bekam die Plakataktion erst durch die Stellungnahme des Peter-Weiss-Hauses (PWH) bei Facebook mit.

Peter-Weiss-Haus

Da stellten sich sofort einige Fragen. Wer kommt auf sowas? Was hat das Kind da drauf verloren? Was soll der Mist eigentlich? Was macht man dagegen? Interessiert das in der Stadt noch jemanden?

Letzteres kann klar mit JA beantwortet werden. Besonders DIE LINKE in der Bürgerschaft ist schockiert. Wie auch die Leitung des Peter-Weiss-Hauses, das als alternatives Kulturzentrum bekannt ist und für das die Anbringung eines solchen Plakates direkt vor der Haustür wie eine bewusste Provokation wirken muss. Wahrscheinlich wurden die Plakate auch deshalb immer möglichst weit oben angebracht, wie es sonst nur die NPD mit ihrem Papierschrott tut, damit die Möglichkeit der kreativen Umgestaltung erschwert wird.

Weitere mehr oder weniger inhaltsvolle Kommentare zum Plakat finden sich unterhalb des kurzen Artikels der OSTSEE-ZEITUNG, der die Kritk der LINKEN thematisiert. In einem dieser ist unter anderem zu lesen, dass es sich ja gar nicht um eine Aktion der Bundeswehr selbst handele. Dieser Schreiber stellt sich damit als ziemlich kompetenzlos dar. Auf den Plakaten ist eine gelbe Schleife zu sehen. Auch ein Link ist abgedruckt. Was fehlt sind offensichtliche Zeichen der Bundeswehr. Es wird daher argumentiert, dass es ja nicht von der Bundeswehr selbst sei und man nur die seelische Verbundenheit mit Soldaten, die ihr Leben für die Sicherheit ihres Landes gäben, zum Ausdruck bringen wollen würde. Das ist übrigens auch die Argumentation der Organisation Gelbe Schleife selbst. Wenn man schon auf der Homepage der Gelben Schleife ist, findet man auch fix die unterstützenden Vereine und Gruppen. Da ist ziemlich deutlich auch ein Teil der Bundeswehr selbst dabei. Ergo ist das Plakat eine zumindest von der Bundeswehr mitgetragene Aktion, wenn nicht sogar von ihr selbst organisiert. Diese Plakataktion läuft bundesweit und begann in den Städten, die Kasernen beinhalten.

Die gelbe Schleife ist dabei ein Symbol, dass schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts von Daheimgebliebenen verwendet wird, um ihre Trauer und Sehnsucht um den fern kämpfenden Soldaten zu bekunden – in der Serie Homeland zum Beispiel tritt ein solches Band in einer der allerersten Folgen in Erscheinung, falls jemand damit gar nichts anfangen kann. Sie, die Schleife, soll dabei betont (das wird ebenfalls auf gelbe-schleife.org so formuliert) keine Stellung zum Sinn und Unsinn eines einzelnen Krieges nehmen, sondern sich einzig und allein auf den Menschen beziehen. In der Zwischenzeit hat sich das Symbol ironischerweise zu einem Antikriegszeichen entwickelt, was die Propagandamaschinerie der Bundeswehr noch nicht mitbekommen zu haben scheint. Darauf weist ein Kommentator unter dem obigen Post des PWH hin. Zum Thema Umgang mit Opfern des Krieges verlinkt er auch diesen passenden Auftritt Georg Schramms in Neues aus der Anstalt vom 13.04.2010:

Jetzt kann man darüber streiten, wie mit der Bewältigung von Opfergedenken umgegangen wird. Doch bevor man sich schon wieder mit der Nach- und Fürsorge beschäftigt, wäre es nicht an der Zeit die Vorsorge für wichtiger zu halten? Wie Schramm in der Anstalt kann man sich Fragen, warum heute überhaupt jemand die Entscheidung trifft, dem „familienfreundlichen Arbeitgeber“ Bundeswehr als Arbeitskraft zu dienen. Der Wunsch dem Vaterland als Untertan zu gereichen, wird wahrlich nicht mehr Hauptschwerpunkt sein. Dass eine (abgesehen vom Auslandseinsatz selbst) doch recht überproportionale Bezahlung zum alltäglichen Aufwand, Personen dazu treibt, das Risiko in Kauf zu nehmen, einmal in die Situation kommen zu können, einen anderen Menschen erschießen zu müssen, scheint nicht abwegig, wirft aber ebenfalls Fragen auf. Nicht zuletzt über den Geisteszustand von Soldaten und seit einigen Jahren ja auch von Soldatinnen. Spielt da sogar noch die Flucht in eine vermeintlich verschworene Gemeinschaft aus dem depressiven Sumpf des egozentrischen, individualistischen Neoliberalismus eine tragende Rolle? Warum wird man Soldat_in? Was reizt daran? Was führt jemanden dazu? Wie kann man so verblendet sein? Findet man einfach Uniformen geil? Falls jemand eine Studie kennt, die nicht von Bertelsmann oder dem ifo-Institut stammt, also auf die man sich halbwegs verlassen kann, immer her damit.

Zuletzt ging es bei der Diskussion um das Plakat in Rostock häufig um das darauf abgebildete Mädchen. Dass die gerade frisch eingeschult Wirkende nicht wirklich (umfassend) wusste, wofür sie dort fotografiert wurde, kann als Tatsache betrachtet werden. Da reicht auch die subtile Ausrede nicht, dass dieses Gesicht ja auch schon auf der Broschüre zum Marinestandort Rostock aus dem Jahre 2012 zu sehen war, das macht es eher noch schlimmer. Was sind das eigentlich für Eltern, die das eigene Kind dafür hergeben? „Mein Papi ist Kapitän und ballert am Horn von Afrika somalische Piraten Tod. Normalerweise ist er aber hier stationiert, und ich find’s in Rostock ganz dufte.“ Es ist schlicht und ergreifend geschmacklos, ein kleines Kind zur Werbung für einen Militärstandort zu nutzen. Wie es im Übrigen im Allgemeinen geschmacklos ist, für Militär und Rüstungsindustrie zu werben. „Hey, finden Sie nicht auch, dass wir hier ein tolles Produkt haben, mit dem wir andere Menschen vernichten können. Ist das nicht cool? Schlagen Sie noch heute an ihrer Filiale vor Ort zu, solange der Nachschub durchkommt! Gern auch präventiv!“

Da wäre mir eine Werbung für Frieden, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Solidarität und Ähnliches deutlich lieber. Vorsorge statt Fürsorge. Um diese, wahrscheinlich vom Bürgermeisterbüro durchgewunkene, Plakataktion wieder in die positive Richtung zu holen, brauchte es leider erst die (vermutlich nächtliche) politische Aktion. Rostocks Bevölkerung ist eben nicht solidarisch mit seinen sich freiwillig bereitstellenden Tötungsmaschinen, sondern mit den Ergebissen der neokolonialistischen Militäreinsätze in Nordafrika, Nahost und anderen „Krisengebieten“: den Flüchtlingen. Die bringen nämlich Vielfalt, vor allem in der Kultur. Und das steht oben auf der Litfaßsäule und gehört dann auch auf ein Plakat. Aber mit Kulturellem hat Rostock in letzter Zeit unter bundesweiter Beobachtung ja anscheinend abgeschlossen.

HRO-Soldaten

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