Dies ist der Versuch, auch mir selbst zu erklären, warum ich in eine Partei eingetreten bin.

Seit Jahren hadere ich mit mir, wie ich mich am sinnvollsten gesellschaftlich beteilige. Konsumverantwortung stand groß auf meiner Fahne. Das perfektionistisch zu betreiben, ist jedoch ziemlich utopisch, man beginnt schnell mürbe zu werden, wenn man sich jedesmal erst intensiv über ein Produkt informieren müsste, bevor man es kauft, und sei es noch so banal. Schließlich ist heute fast alles umweltschädlich und unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt. Man sucht die Nadel im Heuhafen.

Gleichzeitig stellt sich hier das Problem der Relevanz, bleibt es dabei, dass eine Person allein Konsumverantwortung übernimmt, führt das natürlich zu nichts, es müssen schon mehr Leute so handeln. Fängt man jedoch an, sein Umfeld, seine Mitmenschen darauf hinzuweisen, kriegt man ganz schnell den Vorwurf, missionarisch und paternalistisch zu sein. Ein Kampf gegen Windmühlen.

Ich achte zwar weiterhin darauf, wo und was ich so kaufe, aber werde dabei nicht manisch und versuche auch nicht, Menschen, die sich dafür nicht interessieren, zwanghaft davon zu überzeugen, es mir gleich zu tun. Es ist ein bisschen wie mit dem Rauchen aufzuhören. Der Wille zur Veränderung muss schon da sein. Durch einen äußeren Zwang hält die Veränderung nicht lange an, man versucht dann zur Not heimlich in die alte Trägheit zu verfallen.

Parteiisch sein?

In der Zeit beim heuler habe ich eine Parteimitgliedschaft strikt abgelehnt, da für mich eine solche mit der Objektivität und Unabhängigkeit von Journalismus unvereinbar war. Letztlich war das jedoch nichts als eine faule Ausrede. In dieser Frage geht es schließlich nicht darum, Gefahr zu laufen, ständig Partei ergreifen zu müssen, für eben eine solche. Objektivität kann, wie ich bereits in einem früheren Text erwähnte, nie realisiert werden. Auch Unabhängigkeit lässt sich nur schwer in allen Dingen wahren.

Das Problem lässt sich lösen – mit der nötigen Portion Geduld, Selbstreflexion und kritischem Hinterfragen, auch der eigenen Position. Um allzuviel der persönlichen Meinung in einen journalistischen Text einfließen zu lassen, benötigt niemand eine Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Gruppierung. Das geht auch ohne ganz gut. Und es passiert viel zu schnell in einer Medienwelt, die auf Aktualität aus ist und nicht auf möglichst umfassende Kontextualisierung.

Parteien einordnen?

In letzter Zeit verbrachte ich regelmäßig Zeit mit Menschen, die in Parteien engagiert sind. Das betraf die verschiedensten: SPD, Grüne, Linke, MLPD, DKP, Die PARTEI, Piraten. Manche von ihnen erinnerten mich an einen versprengten Haufen von Guerilla-Kämpfern, wenn sie von ihren Parteien und ihrem Politikstil berichteten. Eine kleine Elite, die sich für wichtig hält und die Wahrheit gepachtet hat, doch selten dafür an der Wahlurne belohnt wird. Fast alle halten ihre Form der Beteiligung für die Richtige.

Die genannte Liste der Parteien deckt so ziemlich das gesamte Spektrum sogenannter „linker“ Parteien ab. Doch jede von ihnen hat ihre eigene Klientel, ihr eigenes Programm und ihre eigene Stoßrichtung. Manche Parteien sind bloße Abspaltungen einer anderen. Häufig ging es dabei immer um die Frage der Radikalität. Wie stark tendiert man zur Seite der Reformorientierten, wie sehr forciert man eine Revolution. Ein alter Hut. Manche mögen die verschiedenen Herangehensweisen Realismus und Idealismus nennen. Diese Bezeichnungen verkennen jedoch, dass beide Seiten ein Ideal verfolgen. Nämlich die Welt ein kleines bisschen besser zu machen – auf ihre Weise.

Wie dieses „besser“ aussieht, kann natürlich sehr unterschiedlich sein. Eine Grundtendenz lässt sich aber in allen diesen Parteien beobachten. In der einen stärker vertreten, in der anderen weniger. Ich möchte mich jetzt nicht anmaßen, die Parteien zu klassifizieren, sie in eine bestimmte Rolle zu zwängen und damit alle jeweiligen Mitglieder in diese Schublade zu stecken. Selbst innerhalb einer bestimmten Partei exisitiert schließlich der Disput über die Radikalität, wie weit gewisse Dinge gehen sollen. Keine Partei läuft immer in die gleiche Richtung. Wie die gesamte Gesellschaft entwickelt sich auch eine Partei ständig in unterschiedliche Richtungen.

Viele, die ständig die Unterschiede zwischen diesen Parteien hervorheben, verkennen, wie wichtig es ist, sie wieder zu einen, um am Ende erfolgreich zu sein. Wenn wir nicht in der Lage sind, politische Dispute zu operationalisieren, Widersprüche auszuhalten, sondern stattdessen alles immer personalisieren oder gar emotionalisieren, werden wir nie vorwärts kommen.

Partei wählen?

An der Wahlurne gibt es grundsätzlich verschiedene Möglichkeit, wenn denn gewählt wird: Ich wähle aus tiefster Überzeugung, ich wähle das kleinere Übel bzw. ich wähle strategisch. Aus tiefster Überzeugung zu wählen, sollte für alle wohl die beste Entscheidung sein. Das führt jedoch häufig dazu, dass Parteien gewählt werden, deren Position oft nur ein Hundertstel der Gesellschaft für die richtige Wahl hält. Die Stimme ist dann wohl verschenkt, könnte man sagen. Sie stärkt aufgrund des Wahlsystems automatisch die größeren Parteien und schwächt die Opposition. Dennoch wäre das sicherlich immer die sinnvollste Lösung, würden alle nach ihrer tiefsten Überzeugung entscheiden. Das tun sie jedoch häufig nicht. Viele wählen strategisch oder das „kleinere Übel“. Nach dem Motto: Hauptsache nicht die einen, dann doch lieber die anderen, die dritten schaffen das sowieso nicht oder kriegen schon ohne mich ihre 5 Prozent.

Das hat zum Beispiel auch dazu geführt, dass die Grünen in MV nicht mehr im Landtag sitzen – neben der Tatsache, dass ihre Inhalte nicht präsent waren, da alles vom „Hauptsache nicht die AfD“ überfrachtet wurde. Die Linke wiederum hat das Problem, dass seit dem Rückzug Gregor Gysis, der nun in Europa die Linke anführt, der konservative Flügel die Führung übernommen hat. Sahra Wagenknecht und Co. haben das in der Gesamtbevölkerung sowieso schon schwierige Image der Linken als SED-Nachfolge-Partei durch ihre krude Mischung aus altrevolutionären, antikapitalistischen Plattitüden und autoritärem Gehabe, nicht gerade verbessert, auch die Sympathie, die Gysi durch seine Art erregte, wurde zerstört. Und damit auch die Chancen auf Rot-Rot-Grün im Bund merklich geschmälert.

Die SPD hat ihre Wurzeln ebenfalls schon länger vergessen. Der wirtschaftsliberale Teil der SPD hat sich durchgesetzt. Ein Verwalten des Status Quo in Koalition mit der CDU steht auf der Tagesordnung. Ein nicht geringer Teil der Basis jedoch ist nicht zufrieden damit. Denken wir nur an die Reinigungskraft Susanne Neumann, die durch ihre ehrliche und bodenständige Art in den Medien gelandet ist und Sigmar Gabriel des öfteren bei seinen Besuchen in die Bredouille gebracht hat.

Partei ergreifen?

Nun verhält es sich trotz des Abstieges der SPD in den Umfragen so, dass ohne sie kein Wechsel möglich ist. Die Grünen und Linken werden in der momentanen Gesellschaft, kaum die Masse erreichen, dass sie allein eine Regierung zustande bekommen. Die SPD ist nun mal die größere der Parteien mit einer insgesamt höheren Zahl an Stammwähler_innen. Aber sie hat ihr Vertrauen verspielt, weil realitätsferne Akademiker_innen persönliche Klientelpolitik betrieben haben und die Masse der Bevölkerung vergessen oder bewusst übergangen haben, unter anderem, weil sie sich die Gesetze von Versicherungen und Unternehmen schreiben lassen. Und das auch weiter tun.

Es wäre natürlich vermessen, einer Partei mit der Intention beizutreten, dort ganz alleine alles auf links drehen zu können. Deshalb braucht es Gleichgesinnte. Eine Gruppe von Leuten, die ein ähnliches, wenn nicht gleiches Ziel haben, die schon aktiv sind und in die man sich integrieren kann. Um letztlich ihre Ziele durch eine zusätzliche Stimme unterstützen zu können. Inwiefern man am Ende wirklich aktiv ist, bleibt eine ganz andere Frage. Aber schon den Versuch zu machen, seine Stimme wenigstens auf Wahlen einzubringen, bewirkt deutlich mehr, als von außen besserwisserisch draufzuhauen.

Da sind viele der Möglichkeiten, diese Welt ein klein wenig besser zu machen. Die einen werden Aktivist_innen in Menschenrechtsorganisationen, die anderen Gründen Vereine, um Obdachlose zu unterstützen, die nächsten stellen sich Nazi-Demos in den Weg und wieder andere engagieren sich in Parteien. Viele von ihnen tun mehrere dieser Dinge, manche gar alles auf einmal. Keine dieser Aktivitäten ist schlechter oder besser als eine andere. Es muss alle geben. Vor allem muss es sie gemeinsam geben. Nicht mit der Attitüde, die jeweils anderen würden unnützes Zeug machen und der eigene Weg sei der einzig sinnvolle. Ich versuche jetzt diesen Weg, anderen gehen seit Jahren einen anderen. Und das ist auch gut so.

Partei sein?

Einige Genoss_innen haben mir, nachdem ich sie über meinen Beitritt informiert habe, viel Geduld zugesprochen. Denn: Nun werde ich mich bei Außenstehenden für jeden schlechten Furz aus meiner Partei rechtfertigen müssen, ob es frische sind oder die abgestandenen von vor 150 Jahren. Als hätte ich alles zu verantworten und würde auch alles Geschehene gutheißen und positiv vertreten. „Wenn du zu 100 Prozent mit deiner Partei übereinstimmst, dann stimmt entweder etwas mit dir nicht, oder mit deiner Partei nicht.“ Wer mich kennt, weiß, dass ich mit sehr wenig aus der aktuellen Politik einverstanden bin, aber ich beteilige mich ja nun nicht, nur um als Mitglied sagen zu können: „Guck mal, das hab ich gemacht.“ Sondern um in hörbarer Entfernung sagen zu können: „Ey, was macht ihr da für eine Scheiße? Hört sofort auf damit!“ Vielleicht sag ich mir nach einem Jahr auch, dass das doch nicht das Richtige ist und werde Karteileiche oder trete wieder aus. Wer kann das jetzt schon sagen?

Zum Schluss grüße ich alle Bekannt- und Freundschaften, die in anderen Parteien oder anderen Organisationen aktiv sind, oder diesen nahe stehen, und rufe ihnen zu: Ich bin immer noch derselbe.


Cover: Marcus Sümnick // CC BY-SA 2.0