Die Medienwelt hat sich in den letzten 10 Jahren fundamental verändert. So weit, so bekannt. Was das bedeutet und welche Veränderungen genau vollzogen wurden, haben Barbara Hans (Spiegel Online) und Martin Fuchs (hamburger-wahlbeobachter.de) auf dem Jahreskongress zur politischen Bildung diskutiert. Darunter die spezielle Frage: Wer sind die neuen Gatekeeper?

Beim 10. Jahreskongress zur politischen Bildung im Arno-Esch-Hörsaal der Universität Rostock stand ein Programmpunkt unter dem Motto „Politische Kommunikation im digitalen Zeitalter“. Dazu hatten Dr. Barbara Hans (Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE) und der Politikberater und Blogger Martin Fuchs in kleinen Impulsreferaten Gelegenheit ihren Standpunkt klar zu machen beziehungsweise Hintergrunddaten zu liefern, die dann in einer anschließenden Diskussion thematisiert werden sollten.

Frau Hans betrachtete in ihrem Vortrag mit Hilfe von Beispielen eher das veränderte Zusammenspiel von Politik und Medienmachern sowie die veränderte Wahrnehmung durch die Rezipient/innen. Martin Fuchs als Spezialist für den Umgang mit neuen Medien auch und gerade im Wahlkampf präsentierte zu Beginn Zahlen zum Mediennutzungsverhalten und nutzte hernach ebenfalls Beispiele, um aufzuzeigen, wie heutzutage die Verflechtung von On- und Offlinegeschehen zu nutzen sei. Beide beschäftigte die Frage nach den neuen Gatekeepern.

Das Ende von etwas ist der Anfang von etwas anderem?

  1. Ende der Einbahnstraße: Dialog statt Monolog
  2. Ende der Journalisten als Gatekeeper: Soziale vs. klassische Medien
  3. Ende der Privatheit: Ein Trend, der keiner ist
  4. Ende des Nachdenkens? Auswirkungen der Beschleunigung
  5. Ende der Bevormundung: Die Demokratisierung von Wissen und Relevanz

Diese fünf Thesen stellte Barbara Hans auf. Manche sind selbst erklärend, manche vielleicht nicht. Dass es seit Aufkommen der Sozialen Medien viel leichter ist, mit den Hersteller/innen von Nachrichten direkt und für alle anderen sichtbar zu kommunizieren, als es zu Zeiten von Lesebriefen möglich war, ist offensichtlich. Dabei verändert sich durch das Kommunikationsmedium auch die Form dieser. Dazu jedoch mehr an anderer Stelle in einem nächsten Text.

Jede/r kann Gatekeeper sein

In der Dokumentation von Stephan Lamby „Die nervöse Republik – ein Jahr Deutschland“ [sehr zu empfehlen!] kommen sowohl Sahra Wagenknecht als auch Frauke Petry und Bild.de-Chef Julian Reichelt mit der gleichen Formulierung um die Ecke: Es gäbe durch die Sozialen Medien „keinen Filter mehr“. Das Nadelöhr, wie Barbara Hans die klassischen Medien Print und Fernsehen nennt, ist weg. Journalisten sind lange nicht mehr so allmächtig, allein zu entscheiden, was an die Außenwelt dringt und was nicht. Gatekeeper seien die Zeitungen nicht mehr.

Wer aber ist denn jetzt Gatekeeper? Facebook? Google? Einerseits ja, andererseits müsse man feststellen, dass eigentlich jede/r Einzelne heute ein Gatekeeper ist. Wir entscheiden alle selbst, was wir an die Öffentlichkeit weitergeben. Nur über die Reichweite bestimmt unter anderem der Facebook-Algorithmus noch. Wobei diese Reichweite von uns (zum Beispiel durch Facebook Ads oder andere Kniffe) erhöht werden kann.

Wo früher über die Veröffentlichung von Pressemitteilungen durch die Redaktionen bestimmt wurde, können Politiker/innen ihre Mitteilungen selbst veröffentlichen. Sie erreichen also automatisch schon einmal einen gewissen Teil der Bevölkerung. Nun funktioniert jedoch das Spiel immer noch nicht gänzlich ohne klassische Medien. Die große Verbreitung erreicht man nur, wenn auch andere Medien die private Äußerung auf Facebook oder Ähnlichem aufgreifen.

Das neue Verbreitungsmuster (Part One)

Wenn wir heute einen Artikel auf Spiegel Online, Zeit.de oder den weiteren Online-Plattformen der Zeitungen und Zeitschriften betrachten fällt auf, dass sich Quellen und Quellenangaben gänzlich verändert haben. Der O-Ton, das Zitat ist nicht mehr nur im Fließtext zu finden, ohne dass die Lesenden wirklich nachvollziehen können, wann und wo und ob überhaupt so ein Satz von der Person gesagt wurde. Heute werden Zitate direkt verlinkt. Manch Artikel besteht nahezu gänzlich aus Tweets von öffentlichen Persönlichkeiten.

Einerseits ist das für die Glaubwürdigkeit der Medien eine gute Sache, dass sie ihre Quelle direkt untermauern können. Andererseits bedeutet die Möglichkeit von privater-öffentlicher Verlautbarung über Twitter oder Facebook Post auch, dass Medien sich kritisch hinterfragen sollten, ob sie „über jedes Stöckchen springen“ (Hans) müssen, dass Ihnen Politiker/innen wie Donald Trump oder Beatrix von Storch hinhalten. Nicht jeder Furz ist einen Essay über demokratische Kultur wert. Aber jeder Furz bringt Aufmerksamkeit. Jeder kann berühmt werden. Was in Zeiten von Fernsehen und Zeitung noch mit einem gewissen Aufwand verbunden war, ist heute mit einem kleinen Mausrutschen erledigt. And every press is good press.

Daher stellte ein Publikumsmitglied die berechtigte Frage: „Haben die Medien im Vorfeld der Wahl zum Teil versagt, indem sie den Fokus zu sehr auf Tehmen gelegt haben, die der AfD eine Plattform bieten bzw. sind sie zu stark auf deren inszenierte Provokation eingegangen?“ Leider wurde die Frage für Frau Hans stark verkürzt zusammengefasst, aber ihre Antwort ist dennoch sehr interessant.

Vom Gatekeeper zum Sipervisor

Nun sieht Hans in den klassischen Medien weiterhin eine Einordnungsaufgabe. Man sei sozusagen vom Gatekeeper zum Supervisor geworden. Aufgabe von Journalisten sei es nicht Meinungen zu verbreiten, sondern einer Meinung andere gegenüberzustellen, damit sich Lesende selbst ein Bild machen könnten. Wenn jemand auf seiner Facebook-Seite ausschließlcih Positives über sich selbst verbreitet, was verbirgt er oder sie dann? Diese Frage zu beantworten, ist weiterhin oberste Aufgabe der klassischen Medien, so Hans.

Die Kommunikation über soziale Medien ist häufig persönlicher. Um wirklich authentisch zu sein, reicht es jedoch nicht aus, die alltäglichen Wahlkreistermine fotografisch mit Stellungnahme abzubilden, sondern auch die negativen Gefühle mitzuteilen. Martin Fuchs rät allen politischen Akteuren auf ihren Internetauftritten auch Fehler zuzugeben. Ihre Gefühle über eine nicht erfolgreiche Abstimmung ehrlich mitzuteilen. Das kommt immer besser beim Publikum an. Allzeit gute Laune wirkt einfach unglaubwürdig, weil unrealistisch.

Wenn immer davon die Rede sei, dass soziale Medien ein Ende der Privatheit bedeuten würden, sei das natürlich Quatsch, so die SPON-Chefredakteurin Hans. Öffentlich wird im Regelfall auch nur das Private, was wir selbst im Medium preisgeben. Es gibt Personen des öffentlichen Lebens, über deren Privatleben sogut wie gar nichts bekannt ist. Andere wiederum inszenieren ihr Privatleben absichtlich, um eben diese Menschlichkeit rüberzubringen, die so wichtig für die Sympathie ist.

Das neue Verbreitungsmuster (Part Two)

Die aus Boulevardmagazinen bekannte Homestory kann auch heute von Politiker/innen forciert werden. Der einzige Unterschied ist die Direktheit, mit der dies geschieht. Barbara Hans präsentiert hier als Beispiel einen Hochzeitstweet von Hannelore Kraft (SPD), der ehemaligen Mindiesterpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Frau Kraft hat übrigens wenige Tage nach ihrer Wahlniederlage bei den Landtagswahlen ihre Social-Media-Accounts gelöscht. Das Schlimmste, was man als öffentliche Person machen kann, meint Martin Fuchs.

Hanelore Kraft als eigener Gatekeeper.
Hannelore Kraft als eigener Gatekeeper.

Wie man heute das Zusammenspiel der Medien richtig nutzt, zeigt Fuchs dann an positiven wie negativen Beispielen. Wir alle erinnern uns sicherlich an den SPD-Kandidaten, der auf seinem Großflächenplakat mit einer Axt auf einen Baum einschlägt, der das Konterfei von Donald Trump trägt. Die Darstellung ist vielleicht inhaltlich nicht großartig, aber so absurd, dass sie sofort viral ging. Was bei Facebook oder Twitter besonders beliebt ist, wird auch irgendwann von klassischen Medien aufgegriffen – so zum Beispiel die Lokalzeitung im Wahlkreis. Er gewann zwar nicht die Direktkandidatur, aber bundesweite Aufmerksamkeit.

Ein Ähnliches Beispiel lieferte die FDP. Nach der Entscheidung zum Brexit stellte die Partei einen LKW mit beschrifteter Seitenflächen auf einen Platz in London. Im Design der Freien Demokraten stand darauf: „Dear start-ups, keep calm and move to Berlin.“ Die Londoner/innen fanden das ungewöhnlich genug, um es zu fotografieren und in den sozialen Medien zu verteilen, was wiederum zur Berichterstattung in klassischen deutschen Medien führte. Ohne, dass die FDP selbst darauf aufmerksam gemacht hatte. #netzkulturverstehen

„Vielleicht dachten die Briten: FDP? Was soll das heißen? Filho de puta (port. Hurensohn)?“ – Martin Fuchs

Online vs. Offline?

Daran ist zu erkennen, dass Online und Offline keine getrennten Welten seien, so Fuchs. Ohne die reale Welt, sei die virtuelle nicht denkbar. Auch redeten wir am Tisch Angesicht zu Angesicht über Inhalte, die Online zu finden seien. Gleichzeitig suchen sich Menschen virtuelle Räume, wenn es dieselben real nicht zu geben scheint. So zum Beispiel bei der AfD. Hatten die meisten Medien bei der Bundestagswahl 2013 noch so gut wie gar nicht über die AfD berichtetet, war es für Interessierte notwendig die Online-Kanäle der Partei zur Information zu nutzen.

Das sei der Hintergrund dafür, dass die AfD heute die followerstärkste bundesdeutsche Partei auf Facebook ist, behauptet Fuchs. Die AfD sei die erste wirkliche Internetpartei, nicht die Piraten. Man habe es verstanden, das Netz mit seinen Echokammern und seinen Algorithmen zu nutzen. Das sei bei den etablierten Partei nur im geringen Maße der Fall.

Bunte Bildchen kurz vor der Wahl mobilisieren niemanden

Die meisten Bundestagsmitglieder haben allerdings verstanden, dass Kommunkation mit den Wähler/innen unabdingbar ist. 98, 7 Prozent der MdBs sind in sozialen Medien aktiv. Nur Personen wie Ursula von der Leyen, Volker Kauder oder Thomas de Maizière haben das aufgrund ihrer häufigen Präsenz im Fernsehen wohl nicht nötig. Wir Nutzer/innen dieser Medien haben allerdings unser Verhalten geändert. Wir suchen nicht mehr aktiv nach  Informationen, sondern erwarten von den sozialen Medien, dass sie uns die wichtigen information liefern.

Auch Persönlichkeiten sollten gefälligst ihren Alltag mit uns teilen, glauben wir. Politiker und Parteien müssen daher digital dahin gehen, wo der Diskurs ist. Das bedeutet vielerlei: zuallererst Aktivität. Wenn man heute Homepages von Landtagsabgeordneten besucht, begegnet einem nicht selten eine vollkommen veraltete Seite – inhaltlich wie optisch. Ebenso werden die sozialen Kanäle häufig nur dann regelmäßig mit Inhalten gefüllt, wenn die Wahlen näher rücken.

Doch zwischen den Wahlen sind die Politiker/innen-Accounts viel wichtiger als kurz vor der Wahl. Bunte Bildchen sechs Wochen vor der Wahl schafften keine Mobilisierung, konstatiert Fuchs. Man muss in regelmäßigem Austausch mit der Community bleiben, um sie weiterhin zu vergrößern und Reichweite und Verbundenheit zu schaffen.

Der heiße Scheiß der politischen Kommunikation

Im letzten Wahlkampf haben Politiker/innen entdeckt, dass es außerhalb von Facebook und Twitter noch weitere Netzwerke gibt, die jeweils eine bestimmte Klientel nutzt und daher auch angesprochen werden sollte. Instagram ist dabei die wohl am häufigsten von Politker/innen genutzte Darstellungsplattform. Hier tummeln sich ähnlcih wie bei Snapchat vor allem auch junge Leute, denen Facebook zu bieder geworden ist. Facebook ist das Netzwerk der Generation, gegen die sich die aktuelle Jugend abgrenzen will.

Ganz ungewöhnlich geht es dann bei Tinder zu. Manche Kandidat/innen nutzten die Dating-App, indem sie ein Profil einrichteten und anboten, mit Matches über Politik zu sprechen. Das funktionierte erstaunlich gut. Natürlich auch gerade deshalb, weil es keine althergebrachte, einschläferne Methode ist. Sie ginen dahin, wo die Wähler/innen sind.

Ein zusätzliches Problem der politischen Kommunikation und innerhalb des Bildes von „den“ Politiker/innen ist, dass niemand eigentlich so richtig weiß, wie politischer Alltag aussieht. Außerhalb von Reden, die man im Fernshen in Ausschnitten sehen kann, nimmt die Masse politische Akteur/innen kaum war.  Umso wichtiger ist es, die Follower über diesen Alltag zu informieren. Dazu nutzen die viele seit einiger Zeit das Tool Facebook-Live. Entweder wird der/die Politiker/in einen ganzen Tag vom Social Media Team begleitet und immer wieder gefilmt. Oder man nutzt Facebook-Live als Dialogformat. Zwischen zwei Sitzungen online gehen und mitteilen „so, Leute, ich hab 10 Minuten Zeit und komme gerade aus einem Meeting mit XY und wir haben über A, B und C gesprochen. Was wollt ihr dazu wissen?“

Vertrauen ist gut, Transparenz ist alles

Was dahinter steckt, ist das Aufbauen von Vertrauen durch Nahbarkeit. Das gilt natürlich nicht nur für Politiker/innen. Auch klassische Medien haben dieses Problem. In Zeiten von Online-Medien wird die Frage nach der Kommerzialisierung größer. Inwiefern sind Artikelüberschriften und die dazugehörigen Bilder Aufmerksamkeit erheischend, nur um die Klicks zu generieren, die am Ende Werbeeinnahmen bringen (Click Baiting)? Barbara Hans hat dazu eine klare Haltung: Wichitg ist bei Interesse der Lesenden gar nicht der Inhalt, sondern die Aufbereitung. Wenn der Leitartikel aus dem Themenfeld Politik/Wirtschaft käme und entsprechend präsentiert würde, dann läsen diesen Text mehr Menschen, als den emotionalisierten Text über gesellschaftlichen Nonsens.

Click Baiting bringe zwar kurzfristig Aufmerksamkeit, so Hans, führe aber auf Dauer zu einem Vertrauensverlust beim entsprechenden Medium. Das zeigten auch die Zahlen von Anfang Oktober ergänzt Fuchs, die offenbarten, dass das Misstrauen in die verbreiteten Artikel bei Facebook im allgmeinen steige. Die Nutzer/innen machten sich zunehmend Gedanken, ob aufgrund der Schnelllebigkeit der Online-Welt die Hintergründe wirklich immer gut recherchiert sind oder die Hersteller/innen der Postings nicht die Situation der Nutzer/innen ausnutzen würden.

Erziehungsaufgabe Medienkompetenz

Man sieht zwar, dass die Kinder heute schon sehr früh mit den technischen Geräten zu tun haben, aber die Schule setzt viel zu spät mit der Lehre im Bereich Medienkompetenz an. So wie von Dr. Gudrun Heinrichs der Sozialkundeunterricht früher stattfinden müsse, müsse auch Medienkompetenz in der Schule vermehrt Thema sein. So zumindest die wohl einhellige Meinung auf dem Jahreskongress im Arno-Esch-Hörsaal. Dabei ist auch allen klar, dass die digitalen Medien eine größere Rolle spielen müssen und auch das digitale Lernen diskutiert und vielleicht vorangebracht werden müsste. Dass dazu die Lehrkräfte befähigt werden müssen, ist da nur allzu logisch.

Was beide, Fuchs wie Hans, bemängeln, ist die viel zu seltene Anfrage aus der Schule, als in den Medien tätige Menschen mit den Schüler/innen zu arbeiten. Die Chefredakteurin wie der Blogger erhielten lediglich von Universitäten zahlreiche Anfragen, aber aus der Schule so gut wie gar nicht. Fuchs ergänzt, dass Lehrkräfte häufig an althergebrachten Institutionen hingen und nur diese einlüden. Viel mehr sollte jedoch das Know-how der Schüler/innen genutzt werden. „Vielleicht habt ja auch Ihr einen kleinen YouTube-Star in der Klasse? Dann nutzt das doch als Aufhänger für das Thema.


Cover: Stiftung Mercator // CC BY 2.0