Rammstein-Sänger Till Lindemann hat thematisch einen ziemlichen Schaden, so scheint es. Ein Solo-Album voller abstoßender Schönheit?

Till Lindemann – jetzt wieder platinblond gefärbt, wie’s in den 80ern Mode war – geht für einen Moment eigene Wege. Obwohl, eigentlich nicht wirklich. Auch wenn die Combo Lindemann heißt, steckt mehr als Lindemann drin. Den Schweden Peter Tägtgren, dessen Namen vor diesem Projekt wohl nur eingefleischte Death-Metaler kannten – also im Grunde niemand – lernte Lindemann in einer Kneipe in Schweden kennen. Der Rammstein-Frontmann wäre mit Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz in einer Auseinandersetzung mit einigen Bikern gewesen, die Tägtgren mit dem unsterblichen Satz „Das sind die Jungs von Rammstein, die sind ok.“ in ein kollegiales Besäufnis verkehrt haben soll. Eine schöne Geschichte, nach der schon lange ein Plan zu einer Zusammenarbeit bestanden haben soll.

Das nun entstandene Projekt Lindemann lässt jedoch keine Deathmetal-Töne zu. Musikalisch bewegen wir uns im typischen Klang des brachialen Rammstein-Opus. Der Titelsong Skills in Pills erinnert ein wenig an Benzin und ist auch textlich ähnlich aufgebaut, nur dass es nicht um Kraftstoff, sondern Drugs geht, die je nach Farbe der Pille andere Wirkungen haben. Die meisten Titel bedienen sich des industriellen Hammertakts, der den Sänger auf der Bühne häufig zum masturbativ anmutenden Mitschlagen auf das eigene Knie treibt. Und das ist auch gut so.

Thematisch befindet man sich im bekannten Lindemann-Universum. Fetisch-Sex, Tod, Drogen, Sehnsucht, Einsamkeit. Alles, was das depressive Herz begehrt. Der Tod spielt hier jedoch – im Gegensatz zum Lyrik-Band Messer – eine kaum spürbare Rolle. Im Vordergrund stehen bekannte Inhalte aus Schlagertexten. Der Unterschied liegt einzig in der musikalischen Umsetzung und der detaillierten Klarheit mit der sexuelle Praktiken formuliert werden. Wo Helene Fischer mit „Lust pulsiert auf meiner Haut“ oder „Deine Augen ziehen mich aus“ weniger atem- als harmlos daherkommt, drückt uns Lindemann auf das Detail.

In Songs wie Golden Shower fliegen den Hörenden die Säfte nur so um die Ohren. Man kann geradezu froh sein, dass auf Englisch vertont wurde. So hat die prüde Generation erst gar nicht die Möglichkeit, zu verstehen, was mit pinky flower oder let it rain from your pretty cunt denn jetzt genau gemeint sein soll.

Auch Fish on sprudelt gerade zu vor primitiven Metaphern à la I throw my worm into the pond, mit denen das Auswerfen der Angel nach ladies in Fischereiwortspielen umschrieben wird.

Doch daran hat man sich beim Sohn des wohl bekanntesten DDR-Kinderbuchautoren Werner Lindemann gewöhnt. Wo in Bück dich die Tränen den Rücken hochliefen oder in Rein Raus der Elefant durchs Nadelöhr musste – um nur einige Rammstein-Titel zu nennen –, nimmt man die blumige, aber subtile Darstellung von sexuellen Praktiken als Normalität hin.

lindemann

Einziger Aufreger dieses Albums war und ist wohl in jeder Besprechung die Single Praise Abort. Wer das Video, in dem eine versiffte Familie in Schweineoptik als absolut abstoßend dargestellt und letztlich eine postnatale Abtreibung durch Druckluftpistole durchgeführt wird, nicht bis zum Ende erträgt, der wird und muss das Lied falsch verstehen. Denn wie auch alle anderen Songs, ob über das Interesse an Transsexualität, Natursekt – nein, das ist kein Bio-Champagner aus regionalem, nachhaltigem Anbau – oder übergewichtigen Frauen, enthält auch Praise Abort ein lyrisches Ich. Nicht mehr und nicht weniger.

Das große Talent Lindemanns ist es, auch bei Rammstein, immer gewesen, mittels Ich-Erzählung gesellschaftliche Themen aus der Perspektive von Betroffenen, aber vor allem von Tätern, darzustellen. Man denke nur an Titel wie Mein Teil, in dem er sich in den Kannibalen von Rotenburg versetzte, oder Wiener Blut, wo er uns als Josef Fritzl in der Wirklichkeit willkommen hieß und damit den alltäglichen Wahnsinn aus vielen „normalen“ Familien ins Scheinwerferlicht rückte. Selten wurde dabei geurteilt. Die lyrischen Ichs sollten immer simple Plastiken sein. Ob man deren Haltung oder Handlung nun gutheißt oder verurteilt, blieb und bleibt auch weiterhin den Hörenden überlassen.

Dennoch wird im Video zu Praise Abort der Inhalt derart pervertiert, dass man abgestoßen sein muss – jedoch nicht der Abtreibung gegenüber. Das Lied lässt weite Interpretationsmöglichkeiten offen. Eine „Person“, die sich selbst derart hasst, dass sie diesen Hass an den „Nachkommen“ auslassen muss? Umweltpolitik, Massentierhaltung und andere Fragen der Zeit lassen sich in den Song beziehungsweise das Video projizieren – wenn man es will. Naheliegender wäre die Variante des ob des Egoismus seiner Zeit Verzweifelten, der sich fragt, ob eine Eindämmung der Menschheit durch Abtreibungen (post- oder prenatal) nicht förderlich für alle wäre. Also Abtreibung zur Verhinderung von Ignoranz und Egoismus. Hätte man gedacht, dass ein Lied, das folgendermaßen beginnt, solch Schlüsse zulässt?

I like to fuck, but no French letter.
Without the condom the sex is better.
But every time I get it in
a baby cries and sometimes twins.

Neben diesen Interpretationsausweitungen von primitiven Fortpflanzungsspielarten zum großen Ganzen fehlen natürlich auch auf diesem Werk nicht die epischen Balladen.
In Yukon bedient sich das Duo dabei eiskalt eines Melodieabschnittes aus Always on my mind von den Pet Shop Boys. It’s a sin? Nein. Der Titel passt einfach zu gut. Schließlich geht es auf den ersten Blick um eine erlebnisreiche Fahrt auf dem Fluss Yukon, die wohl always on Lindemann’s mind bleiben wird. Ob es sich hierbei erneut um eine der lindemannschen Personifizierungen von Natur handelt, darf wieder jede_r für sich selbst herausfinden.

Rundum eine nach anfänglichen Gewöhnungsschwierigkeiten an die doch sehr deutsche Aussprache des Englischen gelungene Platte, die bei mir seit Erscheinen in Dauerschleife läuft. Die Freude auf das wahrscheinlich nächstes Jahr kommende Rammstein-Album steigt dadurch erheblich.

Cover/Fotos: Lindemann Promo