eigene relevanz _ Selbstreflexion

Kritik der eigenen Relevanz – Was mach ich hier eigentlich?

Die gesellschaftliche Situation ist zum Kotzen und dennoch lähmt sie gleichzeitig meinen kritischen Schreibprozess. Hat der Mist hier überhaupt eine Relevanz?

Ich komm kaum noch mit. Seit Weihnachten hab ich jetzt hier nichts produziert. Es ließe sich behaupten, ich hatte anderes zu tun. Was sich definitiv nicht sagen lässt: Es sei nichts Relevantes passiert.

Der amerikanische Wahlkampf offenbart bei vielen Europäern wieder ihren Antiamerikanismus. Die gleichen Verallgemeinerungen, die man in der Amtszeit von Bush zu hören bekam, fluten wieder die Medien, Talkrunden und heimischen Wohnzimmer. „Ohne Kultur kann man ja auch nur so blöd sein und den Trump gut finden.“ „Außer Autos und Computer kriegen die ja auch nichts zustande.“ Oder so ähnlich. Eigentlich müsste doch gerade jetzt allen auffallen, dass man auch mit ach so viel Kultur so blöd sein kann, Front National, PiS, AfD, Morgenröte, Erdoğan, Orbán zu wählen. „Es erinnert an die Weimarer Republik. Es ist das gleiche Krebsgeschwür„, fühlt sich auch der israelische Journalist Nahum Barnea in Bezug auf die momentane Situation in seiner Heimat zurückversetzt.1 Auch Jan Böhmermann singt den Spitzenfrauen der Alternative für Deutschland ein ironisches Ständchen im Stile der 30er Jahre.

Und jetzt ist’s Frühling für Frauke und Beatrix!
Deutschland – wir sind wieder wer!
Menschen sind wieder scheißegal,
Deutschland wählt wieder national!
[…]
Kommt, wir zünden ein Negerkind an!
Los! Wir verhau’n nen Flüchtlingsbus!
Und hinterher haben wir, hinterher hat keiner,
niemand hat von was gewusst!

In Brüssel wird erneut die Zivilgesellschaft attackiert, von Arschlöchern, die von den Vertretern dieser Zivilgesellschaft durch ihre Waffengeilheit und wirtschaftlichen Abhängigkeiten selbst gefüttert wurden. Und das erste, was die Medien hier interessiert, ist, ob auch Deutsche unter den Opfern waren. Dass überhaupt noch jemand den Friedensnobelpreis annimmt, nachdem die EU ihn bekommen hat … Wir brauchen eindeutig mehr Reich-Ranickis unter den Menschenrechtsaktivist_innen.

Denk ich an all das in der Nacht …

Ich hab mich jetzt drei Monate dagegen gesträubt, etwas zu schreiben, weil ich keine Lust darauf hatte, mich hier absatzweise auszuheulen, wie Scheiße doch gerade die Menschheit ist. Für einen Facebook-Post reicht es ja meist, aber sich 3-4 Stunden hinzusetzen und zu recherchieren, damit man auch Quellen angeben kann – da fehlt mir dann die Antriebskraft und die Relevanz. Irgendwie komme ich mir damit auch albern vor. Mir scheint es irgendwie selbstgefällig, für ein Publikum, dass mir zu 70 Prozent sowieso recht gibt, pseudo-opportunistisch lange Texte, mal lustig, mal ernst, zu verfassen. Den Applaus, die Likes abzugreifen in meiner politisch halbwegs gleichgesinnten peer group: Da gehört auch nichts dazu. Mir fehlt dann die argumentative Reiberei. Die Diskussion war nicht ergiebig, wenn wir uns nach drei ausgetauschten Sätzen alle einig sind. Ich sehe darin keinen Mehrwert. Dadurch wählt kein Einziger nicht die AfD, mein BAföG wird nicht mehr, Kriege nicht weniger und AIDS heile ich damit auch nicht.

Es stellt sich jetzt die alles entscheidende Frage, wie Relevanz herzustellen wäre: Und nu?

Was mach ich jetzt? Soll ich der Ängste schürenden Medienlandschaft etwas entgegen setzen und nur noch positive Nachrichten verbreiten? Eine Rubrik „Es geht doch!“ sozusagen? Das würde nicht funktionieren. Dazu suche ich zu gern das Haar in der Suppe, bisschen meckern möchte ich trotzdem. Aber nicht auf diesen Allgemeinplätzen der politischen Bühne. AfD scheiße, Trump scheiße, Erdogan scheiße, Seehofer scheiße … blablabla. Also: Rezensionen? – Bücher? Filme? Musik?

Bücher und Musik kann ich mir vorstellen. Von Filmen hab ich einfach zu wenig Ahnung. Wie oft wurde ich schon verbal gesteinigt, weil ich die Star Wars-Filme nie gesehen habe (bis auf Teil III). Ich bin dann eher ein Freund von Fantasy oder Historischem. Warum, weiß ich auch nicht. Im Grunde unterschieden sich die großen Sagen ja nicht wirklich. Ein Haufen Blech – da moderner, hier mittelalterlicher –, der sich auf irgendeiner Staubwüste gegenseitig den Schädel einschlägt und am Ende stirbt der maskierte Böse und die Guten lieben sich und sind eigentlich verwandt – da mehr, hier weniger.2

Apropos Historisches. Das Studium soll ja nicht umsonst gewesen sein. Wie wäre es also damit: Ich könnte historische Mythen behandeln oder besondere (Feier-)Tage und die historische Lehre, die daraus gezogen werden sollte. Irgendwas, das noch nicht jeder im Schulunterricht zu hören bekommen hat; oder zumindest etwas, das, seit dem meine Generation es in der Schule zu hören bekommen hat, längst überholte Forschungsmeinung ist. Wie der Text zum Kommunismusbegriff zum Beispiel, der es auch auf andere Homepages geschafft hat. Da könnte ich mich glatt als Wissenschaftsjournalist ausgeben. Find ich ja eigentlich ganz sinnvoll. Ist das dann auch relevant oder wäre die weitere Beschäftigung mit den rassistischen Jammerlappen dieser Republik wichtiger? Lässt sich das sogar verbinden?

Auch wenn das kaum Einfluss auf meine Entscheidung haben wird, weil ich sowieso machen werde, was ich letztlich für richtig und umsetzbar halte: Was sagt ihr eigentlich dazu? Ist euch das egal? Reagiert ihr nur darauf, weil ihr mich meist auch persönlich kennt? Oder geht’s auch irgendwie um den Inhalt? Reichen polemische Texte über konservative Jammerlappen der Republik aus? Oder fehlt euch die Relevanz auch? Sieht ihr sogar eine in den bisherigen Texten?


Cover: outtacontext // cc by-nc-nd 2.0


  1. Enderlin, Charles: Kampf der Kulturen in Israel, Le Monde diplomatique, dtsch. Ausgabe, 03/16. []
  2. Aragorn und Arwen sind jetzt nicht wirklich verwandt, aber sie haben nachweislich die gleichen Vorfahren – 68 Generationen früher. Stammbaum: http://lotrproject.com/ []

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