„Kabarett braucht blinde Wichser“ – Hagen Rether in Rostock

Hagen Rether? Wer ist das denn? Über ein Gespräch mit einem Vertrauten, getarnt als politisches Kabarett.

„Wie ist die Freiheit?“ Eine Eingangsfrage, die in den neuen Bundesländern immer für ein besonderes Hallo sorgt, gerade in einer Zeit, die ein Jubiläum vor Augen hat. Eine Zeit, die Langeweile als oberstes Tabu anzusehen scheint. Eine Zeit, in der die Menschen am ersten Ferientag in den Urlaub fliegen, da sie sich zu Hause nicht erholen könnten. Zuvor müssten sie noch aufräumen, damit es schön ist, wenn sie am letzten Ferientag wiederkommen. „Frühbucherrabatt heißt die Pest.“

„Meine Mutter sagte immer: ‚Liebe macht Blind.‘ Mein Vater sagte: ‚Wichsen macht blind.‘ Da wusste ich, du wirst auf jeden Fall blind. […] Ich wollte Bauingenieur werden. Beide sagten immer zu mir: ‚Nix is, du bist lustig, du gehörst auf die Bühne.‘ Das Kabarett braucht ja immer blinde Wichser. Nun sitz ich hier.“

Hagen Rether ist kein Kabarettist. Kein klassischer. Er beschwört nicht wie Georg Schramm und Ähnliche den Zorn, der nach Rether nie zu etwas Gutem geführt hätte, sondern schafft ein Bewusstsein für Verantwortung. Er ist schlicht und ergreifend unkonventionell, wofür sich die Konventionen schämen sollten. Schubladenfreiheit: Man kann und möchte Rether nicht etikettiern. Er ist all das, wofür wir in Deutschland Nazi-Vokabular benutzen, um es zu diffamieren: Pazifist, Frauenversteher, Gutmensch, Warmduscher („Ja, was sonst? Kalt? Sind wir bei der Wehrmacht?“). Rether gibt grundsätzlich keine Interviews. Braucht er auch gar nicht, die Antworten auf die immer gleichen Fragen, gibt er während seiner Programme, die seit 2005 „Liebe“ heißen.

Er steht neben der Bühne, wartet bis sich alle gesetzt haben und fragt, als wäre er ein Gast an der Tür, ob er reinkommen dürfe. Rether sitzt vorm Klavier, putzt es, ist Bananen, trinkt Wasser. In dem er der Situation den krampfhaften Versuch einer perfekten Inszenierung nimmt, nimmt er sich selbst jedwede Aufregung und dem Publikum die Distanz zum ach so weit entfernten Künstler. Man bekommt das Gefühl mit einem Vertrauten am Tisch zu sitzen. Sein Verhalten nach der Veranstaltung am CD-Tisch unterstreicht dieses Gefühl. Wäre die Masse der Zuschauer nicht zu groß, würde er sicherlich mit 5, 10, 15 von ihnen noch gemütlich den Abend ausklingen lassen und weitere drei Stunden mit ihnen diskutieren.

Viele im Publikum hätten das sicherlich gerne getan. Zum einen die, die sich von ihm weitere Motivation zur Veränderung ihrer Trägheit und Maßlosigkeit erhoffen und zum anderen jene, die sich von ihm auf den Schlips getreten fühlen. Letzteres müssen jedoch sehr sensible Geister sein.

Nahezu jeder Gedanke, den Hagen Rether äußert, wird von ihm sofort mit zahlreichen Argumenten doppelt unterstrichen. Sitzt man im Publikum und hat gerade ein „aber: …“ oder „außer: …“ im Kopf, wird dieses von ihm selbst angeführt. Wo jeder andere pauschal die Bänker, die Politiker, die da oben, beleidigt und bespöttet, differenziert Rether auf das Äußerste, um dann dem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Das Publikum gehört schließlich einem Volk an, dass „alle Nas‘ lang ein Bauernopfer“ brauche. „Uns wird immer wieder so eine Voodoopuppe hingehalten [Tebartz, Zumwinkel, Guttenberg, Ackermann], da darf jeder Stammtisch mal seine Gabel reinstecken, sodass sie das Gefühl haben, als hätten sie mitreden dürfen.“ Es ginge nie um die Gier der Bänker, „die exekutieren den Scheiß doch nur“, es ginge immer nur um uns. Wir wollten 20 Prozent Rendite, als es nur drei Prozent gab.

Dieses Prinzip zieht sich durch den Abend. „Wenn’s Ihnen zu lang wird, gehen Sie einfach, ne?“

„Der Dalai Lama ist der Peter Lustig für enttäuschte Christen.“

Jedes gesellschaftspolitisch relevante Thema findet seinen Platz. Die Religionen und der diesen zugeschriebene Unterricht in den Schulen beherrschten die erste Hälfte. Dabei zeigt Rether Zusammenhänge auf, die anscheinend in Vergessenheit geraten sind. Er kritisiert den getrennten Religionsunterricht. Wenn Muslime, Katholiken und Protestanten ihren eigenen Unterricht in Religion bekommen, in denen ihnen jeweils gesagt wird, dass nur sie von Gott geliebt würden, könne man sich ja denken, wie die sich danach im Matheunterricht angucken, wenn sie nebeneinander sitzen. Doch statt nur zu meckern, wie schlecht alles läuft, hat Rether immer eine Alternative. „Da sitzen alle im Kreis. Die Wahhabiten, Sunniten, Schiiten, Calvinisten, Evangelikale, Katholiken, chassidische Juden, Schamanen, Buddhisten, Hindus etc. und es wird über alle Religionen und Sekten gesprochen. Jede Stunde kommt ein Priester, Schamane, eine Nonne oder sonst wer, mit denen kann ein Zwiegespräch aufgebaut werden, und dann sollen sich die Kinder ihre Meinung selbst bilden und sie bekommen Empathie für die verschiedenen Glaubensrichtungen.“ Grenze man die aber alle in ihren Grüppchen ab, brauche man sich nicht wundern, wenn man da Chauvinismus züchte und die sich jahrhundertelang die Köpfe einschlügen für ihren Einzigartigkeitsanspruch.

„Man kann doch nicht jahrelang Fleisch fressen und mit dem Gichtanfall den Metzger anzeigen.“

Dabei findet Rether in der ersten Hälfte den Sinusrhythmus zwischen ernsten Passagen und Blödeleien, um das Publikum aufmerksam zu halten. Nach der Pause, die durch eine Swingeinlage am Klavier mit dem Text „Die Leute im Saal / haben Blasen aus Stahl.“ eingeleitet wird, konzentriert sich der Essener auf den verantwortungsvollen Umgang mit Nahrung. Die Massentierhaltung wird nicht nur kritisiert, sonder exerziert. Seine trockene Beschreibung der üblichen Verfahrensweise mit „Schlachtvieh“ lässt viele das zuvor verzerrte Steak sauer aufstoßen.

Dabei fragt er sich immer wieder, warum die Leute sich über Amazon und Monsanto aufregen, aber trotzdem weiter deren Produkte kaufen. „‘Hagen, wo kommen die ganzen LKWs auf den Autobahnen her?‘ Na, die kutschieren deine Zalando-Scheiße durch die Gegend.“ Er hätte seinen Verleger gefragt, ob man verhindern könne, dass die CDs bei Amazon gekauft werden können, was der positiv aufnahm, aber es sei leider schwierig, das umzusetzen.
Es gäbe Listen für Monsanto-Produkte, welche man dann umgehen kann. „Ich hör hier immer selber denken. Nee, selber handeln. Wir haben doch kein Denkdefizit. Wir haben ein Umsetzungsdefizit. Gedacht haben wir das schon 1986 in Erdkunde.“

Auch wenn Rether, die wandelnde ARTE-Doku-Mediathek, angekündigt hat, dass er immer relativ lange spielt, wird die zweite Hälfte für einige zur Belastungsprobe. Im zweiten Teil überwiegt die Ernsthaftigkeit. Hat man sich auf Rether eingelassen – und wenn man ihn kennt, weiß man, dass man keinen Schenkelklopfer nach dem anderen zu erwarten hat – steht man das gut und gerne durch. Er bedankt sich auch mehrmals, dass das Publikum da sitzt und sich das anhört. Doch nach über 3 Stunden auf diesen Stühlen trägt man die Last der gesellschaftlichen Probleme nicht nur mental sondern auch physisch auf den Schultern.

Liest man eine Rezension über einen Abend bei Hagen Rether könnte man denken, die Leute gingen mit einem bedrückenden Gefühl aus der Veranstaltung. Keinesfalls. Man geht nicht mit einer Last eines schlechten Gewissens. Rether prügelt schließlich eben gerade nicht nur auf sein Publikum ein. Er zeigt die Ausgänge und Alternativen auf. Man kommt vielleicht nicht als neuer Mensch, aber auf jeden Fall motiviert aus dem Saal. Man sucht sofort die Liste der Produkte von Monsanto, um sie in Zukunft umgehen zu können. Man nimmt sich vor, natürlich erst nachdem das gerade bestellte Paket heil angekommen ist, sein Konto bei Amazon aufzulösen. Wenn vielleicht nicht ganz auf Fleisch zu verzichten, so zumindest noch weniger davon zu essen. Man muss es ja nicht für immer ändern, aber mal für 5 Jahre. Dann kann man sehen, dass nicht alles viel schlimmer geworden ist.

Veränderungen müssen sein. Das ist der Lauf der Dinge, und den sollten auch keine Industrieargumente aufhalten, die Arbeitsplätze in Vernichtungsberufen halten wollen. „Was haben die Henker gejammert, als man die Todesstrafe abgeschafft hat.“

Wer nicht alles behalten hat, oder mehr hören will, muss einfach (noch mal) wiederkommen oder hört sich die Programmausschnitte bei Youtube an oder kauft die CDs, die ohne Kopierschutz sind. Rether empfiehlt: Kaufen, auf Rechner spielen und dann verschenken, oder in der Öffentlichkeit liegen lassen. „Man muss die Dinge ja nicht immer gleich besitzen.“

Cover: Marcus Sümnick

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