JahresRÜCKblick für immer? Wie geht das denn? Wir werden sehen …

Alle Jahre wieder kommt ein Jahresrückblick. Nein, nicht einer, jede Nase macht seinen eigenen. Ob Zeitungen, Fernsehsender oder Kabarettist_innen.

Menschen, Bilder, Emotionen. Wobei man da immer die Menschen vermisst, Diogenes ginge auch hier vergebens mit seiner Laterne durchs Studio. Jauch, Jauche und noch mehr Jauche. Ein Sportass nach dem anderen, das für über 1 Mio. Euro im Monat mehrere Male im Kreis fahrend unsere wertvollen Rohstoffe verheizt hat und seine Steuern in der Schweiz bezahlt und dann auch noch dafür gefeiert wird. Da kann man ja Michael Schumacher fast dankbar sein, dass seit seinem Karriereende das Interesse für Rennsport zurückgegangen ist.
Oder Sportler_innen, die in Deutschlands Paradedisziplin „Schießen und Wegrennen“ wieder „nur“ Bronze geholt haben. Wie ärgerlich. Aber das war auch wieder spannend! „Was haben wir gefiebert, wissen Sie noch?“ Ich glaube, die Einzigen, die hier Fieber haben, sind Fernsehmoderator_innen, die in Rückblicken ständig die Vergangenheit lobend erwähnen.

Wozu machen wir eigentlich Jahresrückblicke?

Seit ich meine Umwelt tagsüber bewusst wahrnehme, also seit meiner Volljährigkeit, läuft eigentlich jedes Jahr gleich ab:

Januar: Wintersport
Februar: Grippeepidemie/(Natur-)Katastrophe
März: Skandal um Einzelperson/Rücktritt
April: Ostern
Mai: Zecken
Juni/Juli: Sportliches Großereignis bei dem zwischendurch irgendein würdeloses Gesetz verabschiedet wird
August/September: Sommerloch
Oktober/November: unsensible Nationalfeiertage/Konjunktureinsturz
Dezember: Weihnachten/Konjunkturanstieg

Das ist jedes Jahr das Gleiche. Jeder Jahresrückblick stellt gleichzeitig einen Ausblick auf’s nächte Jahr dar. Da können wir uns schöne Bilder von Flutwellen und kranken Menschen angucken, die wir im nächsten Februar aus einem anderen Inselstaat oder armen Land in Afrika zu sehen bekommen. Dann wird im März wieder irgendeine Sau oder ein Eber durchs Dorf getrieben, die/der für unsere Sünden am Kreuz sterben darf. Sind Sie auch schon so gespannt, wer es nächstes Jahr wird? Ich weiß jedenfalls, wer definitiv nicht. Angela hat mir ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen, dass ich ihren Namen in diesem Zusammenhang nicht erwähne.

Dann wieder Sport im Sommer. Frauenfußball, Olympia, Männerfußball. Ich wäre ja für Meisterschaften im Menschenfußball. Dann würde die Mannschaft sowieso nicht vollständig werden – siehe Diogenes – und wir bräuchten dieses Trara nur alle 10 Jahre. Außerdem würden dadurch auch die Möglichkeiten schwinden, bei einem Aufmerksamkeitsdefizit des Volkes (Bier und Spiele) den Datenschutz zu vergewaltigen und dann schnell wieder in den Hosenanzug zu springen, um zu jubeln wie Jim Knopf in der Augsburger Puppenkiste. War der Marionettenvergleich deutlich genug?

Sommerloch. Kein Wer wird Millionär, kein TV Total. Was soll man da nur machen? Man langweilt sich ja zu Tode. Ah, Wahlkampf. Gute Idee. Plattitüdenreißer treffen auf Plattitüdenwähler. Das Ergebnis ist auch nie das richtige. Dann regt sich Jochen darüber auf, dass ein Wessi in einem Ost-Bundesland jetzt den Gauck spielen will. Oder so ähnlich. Und während ein Flüchtlingsheim in Brand gesteckt wird, fällt die Mauer zum X. Mal. Nur eine wird auch nächstes Jahr wieder stehen und das ist die an den europäischen Außengrenzen. Was geht mich fremdes Leid an? Reicht ja wohl, wenn man mir im Dezember zur adventenen Weihnachtsethikzeit bei Menschen, Bilder, Emotionen auf die Tränendrüse drückt. Selbst Die Anstalt ist verzweifelt, weil sie nichts bewegt hat. Weihnachten ist eben nur einmal im Jahr. Für das Fest der Liebe viel zu selten. #doyouknowitsscheiße

So, und nun bestellen wir alle schön bei Zalando und Amazon einen Haufen Schrott, den wir der Familie schenken und stopfen uns die polnische Mastgans in den adipösen Wanst, um uns am 1.1. die Bikinifigur vorzunehmen. Alles zu seiner Zeit. Wir sind ja schließlich auf der Arbeit und nicht auf der Flucht. „Ich bin ja kein Nazi, aber … die kommen hier her und kriegen sofort Geld und wir hungern hier.“ Für den Satz bekommt man auch zu Recht nichts zu essen. Und wer glaubt, man wäre mit wenig nicht zufrieden, der fragt bei Zeiten mal Diogenes.

Frohes Fest und einen guten Rutsch ins gleiche Jahr, wünschen Kaspar, Melchor, Balthasar. Und Beate Uhse.