Heute am 6.10. findet der 10. Jahreskongress zur politischen Bildung statt. Die Landeszentrale für politische Bildung und die Deutsche Vereinigung für politische Bildung haben sich dieses Jahr das Thema Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben.

„Stellen Sie sich vor, Sie bereiten einen Kongress vor und dann kommt Xavier.“ Jochen Schmidt, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung MV (siehe Titelbild), begrüßt den vollen Hörsaal an der Universität. Um 45 Minuten verspätet beginnt der Kongress. Sturmtief Xavier hat seit gestern für Ausfälle im Fern- und Nahverkehr gesorgt. Ein Referent hat die Nacht im Zug in Osnabrück verbracht, der Hauptredner André Nagel (Bundeszentrale für politische Bildung) bekommt keinen Leihwagen mehr in Hamburg und kann deshalb nicht teilnehmen. Die Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE wird per Skype ihren Vortrag halten müssen. „Gestern Vormittag dachten wir noch, der Kongress ist so gut vorbereitet wie nie. Heute Morgen wissen wir, dass das alles noch so gut sein kann, wenn das Wetter nicht mitspielt, ist’s auch egal“, wie Dr. Gudrun Heinrich es formuliert. Nun sind wir alle da und es kann losgehen. Jochen Schmidt erinnert an den ersten Jahreskongress im Jahr 2007, der noch im Hörsaal 323 stattgefunden hatte. Er begrüßt nicht nur die Landtagsabgeordenten (u.a. Nadine Julitz (SPD) und Sabine Oldenburg (LINKE)) und den Rektor der Universität Rostock Prof. Wolfgang Schareck, sondern auch die Tatsache, dass sich am Campus die Räumlichkeiten positiv verändert hätten. Mir fällt dabei auf, dass ich eine der zwei Steckdosen ergattern konnte, die in einem Saal mit ca. 300 Plätzen zur Verfügung stehen und denke mir: Naja.

Apropos Digitalisierung.

Die ist ja Thema des Kongresses. Begründet wird diese Wahl von Schmidt unter anderem mit dem 3. Punkt des Beutelsbacher Konsenses, der da lautet: „Der Schüler muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen.“1 Er führt dazu aus, dass sich der Konsens nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form, das Medium bezieht. Politische Bildung müsse sich also auch an den Interessen des Publikums bei der Fall des Mediums orientieren. Die Landeszentrale habe besonders mit ihrem Portal wahlen-mv.de auch sichtbar machen können, wie bisher unerreichte Zielgruppen erreicht werden könnten. Über die Verbreitung auf Facebook könnten auch die Personen mit Input versorgt werden, die sich die Sachbuch-Publikationen nicht bestellen würden. Kurz vor der Landtagswahl 2016 habe wahlen-mv.de bis zu 100.000 Nutzer gehabt. Das ist in einem Bundesland wie MV, mit einem solch schlechten Breitbandausbau schon ein ordentliches Ergebnis.

Rektor Prof. Dr. Wolfgang Schareck: Digitalisierung ist der Umbruch unserer Zeit.
Rektor Prof. Dr. Wolfgang Schareck

Wir sitzen im Arno-Esch-Hörsaal, was Rektor Schareck in seiner Rede gleich im ersten Satz betont, um darauf hinzuweisen, dass Arno Esch sicherlich begeistert von dieser Veranstaltung gewesen wäre. Schareck lobt das Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaft und den Alumniverein, um danach die Globalisierung und die Digitalisierung mit dem Buchdruck oder der Industriellen Revolution vergleichend als Umbruch, als große Veränderung unserer Zeit zu beschreiben.  Er selbst sei jedoch ein „digitales Greenhorn“, so Schareck selbstironisch. Er schafft es in seiner Rede gleich mehrere Punkte kritisch zu bemerken, ohne sich wirklich offen kritisch zu äußern. So beschwert er sich im Subtext über mangelnden Breitbandausbau in MV, während er eigentlich gerade nicht ohne Stolz die Plattform Tweetback lobt, die an der Uni Rostock entwickelt wurde und auch heute zum Einsatz kommen soll. Leider werde sie noch zu wenig genutzt, da sich, und hier zitiert er eine Studie der Bertelsmannstiftung, trotz ausgezeichneter Ausstattung in den Universitäten häufig die Dozierenden gegen technischen Wandel verwehren würden. Schareck selbst sehe jedoch im technischen Fortschritt die Möglichkeit, sich von einer Massenuniversität wieder zu einer individualiserten Lehruniversität zu entwickeln. Zum Schluss betont er Gefahren und Chancen von Technik und Datenanalyse. Nicht ohne die Anekdote aus der KinderUNI vom 9. September zu erzählen. Dort hatte zum Geburtstag der OZ eine solche stattgefunden und Manuela Schwesig (SPD) mit den Kindern unter anderem die Frage erörtert, wie man denn herausbekomme, ob Gummibärchen gesund seien. Daraufhin hätte, laut Schareck, ein Junge im Vorschulalter kurz und knapp bemerkt: „Googlen!“ Ohne sich en detail auszulassen hatte er für den Kongress die Frage von frühkindlicher Bildung und Medienkompetenz aufgemacht, die später noch diskurtiert werden sollte.

Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern Birgit Hesse (SPD)
Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern Birgit Hesse (SPD)

Nach dem Rektor steigt Bildungsministerin MV Birgit Hesse (SPD) direkt in das Thema ein. Sie kritisiert den Verlust des guten Geschmacks innerhalb von sozialen Netzwerken und plädiert für eine deutlich frühere Medienbildung. Ihre Tochter habe schon früh ein Iphone bekommen. Das sei natürlich einerseits nicht gut, andererseits bringe es auch nichts, sich dagegen zu wehren und so lernen die Kinder früh, mit den Geräten umzugehen. Im zweiten Teil ihrer Rede geht sie auf das Thema Fake News und Vertrauen ein. Beides habe schließlich Auswirkung auf die Gesellschaft und auf Wahlen. Sie schweift dann scheinbar ab, indem sie auf den Fall Arppe und den Umgang der AfD im Landtag damit zu sprechen kommt. Am Ende nutzt sie jedoch dies, um nach der Frage, wie man mit der AfD umzugehen habe, auf die alles entscheidende Frage für diesen Kongress hinzuleiten: „Wie erreichen wir es, über die neuen Medien, eine demokratische Kultur zu erhalten/zu schaffen, die sich mit Fakten und nicht mit platten Botschaften auseinandersetzt.

Dr. Gudrun Heinrich, Deutsche Vereinigung für politische Bildung e.V.
Dr. Gudrun Heinrich, Deutsche Vereinigung für politische Bildung e.V.

„Politische Kommunikation ist heute ein Grundrauschen, in dem man lediglich Gehör findet, wenn man besonders auffällt.“

Dr. Gudrun Heinrich, die Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für politische Bildung, sieht die Notwendigkeit von einer stärkeren Ausprägung kritischer Urteilsfähigkeit. Neben der Digitalisierung brauche es auch Räume, in denen politische Bildung stattfindet. Man müsse sich die Zeit für Debatten nehmen und früher ansetzen. „Den Sozialkunde-Unterricht erst in der 8. Klasse anzusetzen ist viel zu spät, da die SchülerInnen dann bereits digital verbildet sind“, so die Politikwissenschaftlerin. „Ich werde das auch gerne noch weiter sagen, bis der politische Druck groß genug ist“, und sich was ändert. Es gibt dafür Applaus im Hörsaal. Unterstrichen wird dies noch von Thomas Balzer (NDR), der in der Pause nach den Grußworten im Gespräch mit einer Bekannten sinngemäß sagte: ‚Wir machen NDR Newcomer News natürlich nicht, weil wir Langeweile haben, sondern weil die Kids nicht mehr wirklich lernen, wie das Mediensystem in Deutschland funktioniert. Daher holen wir uns die Kinder ran und zeigen denen interaktiv, wie Nachrichten gemacht werden.‘ Die Öffentlich-Rechtlichen gehen in die Offensive, um sich ihr Vertrauen zurückzuholen. Find ich erstmal ziemlich gut.

Nach den Grußworten der VeranstalterInnen und VertreterInnen wird noch ein Preis verliehen. Es handelt sich bei dem Preis um Büchersammlungen. Er geht an zwei Schülerinnen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Bützow. Leonie Lehmann und Maria Ulrich sind der viel diskutierten Frage der letzten Jahre nachgegangen: Wie wichtig ist das Smartphone für Geflüchtete? In ihrer Studie zeigte sich unter anderem, dass Geflüchtete mit Smartphone deutlich schneller vorankommen, als diejenigen ohne. Ziemlich logisch eigentlich, da auch wir mehr oder weniger gut situiert Lebenden ohne Google und sein Maps kaum noch von A nach B kommen (wollen). Wie wichtig muss dann so ein internetfähiges Gerät zur Navigation und Information erst für Flüchtende sein. Darüber aufzuklären und sich damit zu beschäftigen ist politische Bildung im Zeitalter der Digitalisierung par excellence und damit auch lobenswert. Anja Strehlau und Uwe Kranz nahmen den Preis stellvertretend an, da die eigentlichen Preisträgerinnen und auch die eigentlichen StellvertreterInnen nicht anwesend sein konnten. Schönen Gruß von Xavier.

Anja Strehlau und Uwe Kranz nehmen stellvertretend den Preis entgegen. Digitalisierung auf der Flucht? War das Thema der gelobten Studie.
Anja Strehlau und Uwe Kranz nehmen stellvertretend den Preis entgegen.

Bereits in diesen Grußworten kristallisierten sich bestimmte Punkte innerhalb des Themas politische Bildung und Digitalisierung heraus, die elementar für die Gäste und für die Fachleute sein würden.

  1. Geht politische Bildung noch ohne Digitalisierung?
  2. Wie geht man mit Veränderungen im Bereich der Medien um?
    1. Was sind Fake News und wie erkenne ich sie?
    2. Wie gehe ich mit Hatespeech um und warum gibt es das überhaupt?
  3. Wie muss angemessene Medienkompentenzbildung in der Schule aussehen?
  4. Was macht die Verlagerung von Debatten ins Virtuelle mit der demokratischen Kultur?

Grundsätzlich kann alles immer auf einer gesamtgesellschaftlichen (politisch/medial), einer pädagogischen und einer persönlichen Ebene hinterfragt beziehungsweise verstanden werden. Dies wird in den nächsten Texten Mittelpunkt sein.

  1. Der Beutelsbacher Konsens besteht aus drei Axiomen, die innerhalb von didaktischer politischer Bildung befolgt/erfüllt werden sollten. Näheres hier. []