In der letzten Woche haben einige Professor_innen den sogenannten „Heidelberger Aufruf gegen die Akkreditierung“ gestartet. Auch Kultusminister Mathias Brodkorb unterstützt die Initiative.

Wer hat’s mitbekommen im März? Das Bundesverfassungsgericht hat das Akkreditierungsverfahren (im speziellen in Nordrhein-Westfalen) als verfassungswidrig gegen die Freiheit der Wissenschaft (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG) und das Föderalismusprinzip (Art. 20 Abs. 3 GG) bewertet.1 So wird es verkürzt jetzt durch die Zeitungen und Sendungen getragen. In der Pressemitteilung geht das BVerfG aber viel genauer auf seine Entscheidung ein. Grundsätzlich wird in der Öffentlichkeit, auch in der Initiative, die im wir im zweiten Teil besprechen wollen, kritisiert, dass eine private Agentur, vom Land beauftragt und akkreditiert, über die wissenschaftlichen Inhalte und Strukturen der Hochschulen entscheidet. Das allein ist aber laut BVerfG gar nicht verfassungswidrig. Verfassungswidrig ist in erster Linie, dass der Gesetzgeber keine genauen Vorgaben gemacht hat, wonach die beauftragten Agenturen innerhalb ihres Landes zu entscheiden haben. Denn den Qualitätsmaßstab der Wissenschaft dürfe wenn dann nur der Gesetzgeber gesetzlich(!) vorschreiben.

„Das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit steht Vorgaben, die einen ordnungsgemäßen Lehrbetrieb mit einem transparenten Prüfungssystem sicherstellen, nicht entgegen. Allerdings bedürfen die mit der Qualitätssicherung verbundenen Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 GG einer hinreichenden gesetzlichen Grundlage. Rechtsstaatsprinzip und Demokratiegebot verpflichten den Gesetzgeber dazu, die insoweit für die Grundrechtsverwirklichung maßgeblichen Regelungen selbst zu treffen. Der Gesetzgeber muss bei wertenden grundrechtsrelevanten Entscheidungen regeln, wer diese zu treffen hat und wie das Verfahren ausgestaltet ist. Er muss in den Hochschulen auch für die Qualitätssicherung ein Gesamtgefüge schaffen, in dem Entscheidungsbefugnisse und Mitwirkungsrechte, Einflussnahme, Information und Kontrolle so ausgestaltet sind, dass Gefahren für die Freiheit der Lehre vermieden werden.“2

Im folgenden Absatz hält das BVerfG privatwirtschaftliche Agentur als Prüfgremium durchaus für möglich:

„Grundsätzlich steht es dem Gesetzgeber insoweit frei, der Hochschullehre eine externe Qualitätssicherung vorzugeben. Diese Qualitätssicherung der wissenschaftlichen Lehre muss auch nicht auf wissenschaftlich-fachliche Kriterien beschränkt sein, sondern kann die Studienorganisation, die Studienanforderungen und den Studienerfolg bewerten.“3

Als Frist für eine Neuregelung gibt das das Gericht den 31.12.2017 an. Solange soll die verfassungswidrige Regelung vorerst weitergelten.4

Unter den Talaren …

Nun haben sich in der letzten Woche einige Professor_innen zusammengetan und in der FAZ einen Aufruf in Form eines Offenen Briefes gestartet.5 Der Heidelberger Aufruf gegen die Akkreditierung, den auch der Kultusminister von MV, Matthias Brodkorb (SPD), unterstützt richtet sich direkt an seine Kollegen „Wissenschaftsminister und die Landtage aller Bundesländer“. Darin fordern die Unterzeichner die Abschaffung dieser privaten Agenturen und die Rückführung der Qualitätsprüfung in die Universität durch die Professor_innenschaft selbst. Begründet wird dies gleich zu Beginn wie folgt:

„Die deutsche Universität hat in den Jahrhunderten ihres Bestehens ein System der Qualitätssicherung entwickelt, dessen Strenge ihresgleichen sucht. Der Weg zur Professur ist in Deutschland lang, schmal und steinig. Wer ihn hinter sich gebracht hat, ist nachweislich qualifiziert, nun seinerseits sinnvolle Studiengänge zu konzipieren. Dieses System der Qualitätssicherung wurde aus der Wissenschaft selbst heraus organisiert. Es hat sich bewährt.“6

Die Argumentationsstruktur mit der Aussage „Weil das schon immer so war“ zu beginnen, zeigt ja schon, wie besonders hart und steinig der Weg zu Professur sein muss und zu welch intellektueller Rhetorik dieser Weg befähigt. Auch jede Person, die ein Studium hinter sich hat oder noch vollendet, hat Professor_innen erlebt, bei denen man sich gefragt hat, wie die ihren Posten bekommen haben. Diese Kritik führt auch der Journalist Jan-Martin Wiarda auf seinem Blog an.7 In der Kommentarspalte wird von einem User (Josef König) folgendes Zitat angeführt:

„‚Die verbreitete Praxis, dass Professoren ihre Lehrstühle innerhalb der Familie oder praktischerweise gleich an ihre Söhne weitergaben, hat den Ruf der Institutionen auch nicht gerade verbessert. An der Universität Basel gab es 1666 nur einen einzigen Professor, der nicht mit allen anderen verwandt war. Heidelberg bestätigte noch 1767, Professorensöhne, sofern ausreichende qualifiziert, könnten selbstverständlich den väterlichen Lehrstuhl erben.‘ (Aus: Valentin Groebner, Wissenschaftssprache, Konstanz University Press, 2012, S. 44)“

Auch das persönliche Erleben zeigt immer wieder, dass man eine Professur nicht allzu häufig durch bloße Qualität bekommen kann, sondern vorallem durch Beziehungen. Die Ausrede, dass die Prüfungsordnungen die Aneinanderreihung von schlechten Vorträgen der Studierenden mit überfüllten Powerpoint-Präsentationen und wikipediahaften Inhalten, erfordere, und man dagegen leider nicht viel tun kann, geben einige gute Beispiele in der Lehre der Uni Rostock der Lächerlichkeit preis. Hier zeigt sich, wer die Stelle nicht nur durch Beziehungen bekommen hat, sondern seinen Job ernst nimmt. Wer von seinen Studierenden wirklich etwas fordert, wer Vorgaben macht, aber nichts Unmögliches verlangt, der wird auch qualitative Lehre erleben, die etwas hinterlässt. Im verschulten Studium gehen Studierende nach der Maxime „So viel wie nötig und so wenig wie möglich.“ vor. Wer nichts bestimmtes verlangt, wird sich bis in die Emeritierung über solche Vorträge aufregen.

Kultusminister Matthias Brodkorb unterstützt den Heidelberger Aufruf

Im Deutschlandradio Kultur wird Matthias Brodkorb zu der Initiative befragt. Die Journalistin Nana Brink vergleicht die Akkreditierungsagenturen mit dem TÜV. Der Minister stellt daraufhin klar:

Ich fand den Vergleich mit dem TÜV, wie die Akkreditierung funktioniert, zwar irgendwie naheliegend, aber ja nicht richtig. Der Unterschied ist folgender: Der TÜV besteht aus Experten, die in der Regel mehr wissen als die Autofahrer über Autos. Das sind ja dann quasi die, die sich in diesem Metier auskennen. An den Hochschulen ist das ja anders. Die Professoren sind immer schon der TÜV. Jeder Professor hat studiert, promoviert, sich habilitiert und in einem kompetitiven Verfahren den Lehrstuhl erobert sozusagen. Und das sind die Experten.

Es gibt für die Frage, wie man ein Studium organisiert, niemanden, der klüger ist als ein Professor. So ist das in Deutschland aufgebaut. Und deswegen ist es schon ein bisschen skurril, dass jemand, der das alles nachgewiesen hat, dann noch mal zu einer Agentur muss, wo ein anderer, der das auch nachgewiesen hat, ihm bescheinigt, dass er das richtig gemacht hat, obwohl der andere gar nicht mehr Kompetenzen hat als er selbst. Das zeigt schon, wie abwegig das ist. Das wäre so, als würden sich die einzelnen TÜV-Mitarbeiter gegenseitig akkreditieren oder überprüfen. Ist ja nicht so.

Also – wie soll es laufen? Ich glaube, es ist ganz einfach: Man überlässt es denjenigen, die es am besten können, und das sind die Wissenschaftler. Wir müssen uns als Staat da gar nicht so großartig einmischen.“

Es ist ja großartig zu hören, dass Matthias Brodkorb sich nicht in die Universitäten einmischen möchte und diese privaten Agenturen abwegig findet. Da kann man ja nur froh sein, dass sich die Minister_innen der Länder alle fünf Jahre neu bilden. Denn wer hat diese Akkreditierungsagenturen sozusagen erfunden? Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und die der Kultusminister der Länder (KMK). Und zwar direkt nach bzw. schon vor des Inkrafttreten des Bologna-Prozesses.8 Das klingt jetzt zwar sehr ironisch und amüsant. Minister Brodkorb kann man das aber definitiv nicht vorwerfen. In Mecklenburg-Vorpommern haben die Akkreditierungssiegel keine derartige Bedeutung. Das Landeshochschulgesetz sieht vor, dass Bologna-Vorgaben nicht vollends verfolgt werden müssen. „Also bei uns ist das eben nicht so, wenn ein Studiengang das Akkreditierungssiegel nicht hat, dass der dann geschlossen werden muss. Die Hochschule kann den einfach weiter betreiben“, so der Minister bei DLF Kultur. Das Interview beendet er mit der Aussage:

„Ich kann der Wissenschaftspolitik nur raten, [sich an dem Aufruf der Professor_innen zu orientieren und Konsequenzen aus der Bologna-Reform zu ziehen], denn es gibt nur eines, was schlimmer ist, als einen Fehler zu machen, nämlich ihn bewusst und willentlich fortzusetzen.“

Schließlich haben auch Professor_innen in Form der HRK diese Agenturen auf den Weg gebracht. Aus diesem Fehler wollen sie jetzt lernen (Sie haben sogar eine Petition ins Leben gerufen: http://tinyurl.com/gkpjuj2). Aus dem Fehler der Klüngelei und der verkrusteten Lehrstuhlvergabe aber anscheinend nicht. Denn wer prüft die Prüfenden? Unter den Talaren …?

Doch vielleicht stößt diese Initiative auch etwas Größeres an. Möglicherweise untergräbt sie in ihren Auswirkungen, bei aller professoraler Eitelkeit, das Fundament der Bologna-Reform, die die Hochschulen derartig verschult und verknappt hat. Es könnte doch sein, dass diese Initiative der Anstoß wird, den Studierenden die Zeit für die Formung ihres politischen Willens, ihrer Weltbilder, ihrer Ansichten, auf fundierte, differenzierte Weise, zurückzugeben, die ihnen diese Reform zum großen Teil geraubt hat. Damit die spätere Generation von Wissenschaftler_innen einen freiweilig gewonnenen, breiten Horizont bekommt und kein Haufen von Fachidioten wird. Es braucht also einen wissenschaftskonformen Markt. Und keine marktkonforme Wissenschaft. Persönlichkeitsformung als Selbstzweck, und nicht der Wirtschaft und Arbeitswelt wegen.


Cover: Marcus Sümnick // CC BY-SA 2.0

  1. Pressemitteilung des BVerfG vom 18. März: http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/bvg16-015.html []
  2. Ebd., 2. b) bb). []
  3. Ebd. []
  4. Ebd. 4. []
  5. „Heidelberger Aufruf gegen die Akkreditierung“: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/heidelberger-aufruf-gegen-die-akkreditierung-14224001.html []
  6. Ebd. []
  7. http://www.jmwiarda.de/2016/05/12/heidelberger-aufruf-ein-paar-professoren-und-ihr-seltsames-verst%C3%A4ndnis-wissenschaftlicher-qualit%C3%A4t/ []
  8. Pressemitteilung des BVerfG vom 18. März, Sachverhalt und Verfahrensgang 2. []