Politische Partizipation und ehrenamtliches Engagement schlaucht. Auch weil man, hat man sich einmal beteiligt, überall dabei sein möchte. Hier ist kein Aussteiger, aber ein Einen-Gang-Zurückschalter.

Wer sich engagiert, kennt das Problem: Engagement kann zur Sucht werden. Für Studierende bieten universitäre Gremien dafür ganz simple Strukturen, in die leicht einzusteigen und schnell aufzusteigen ist.

Die Einen stellen sich aufgrund einer Schnapsidee für den Studierendenrat auf. Auch aufgrund der geringen Wahlbeteiligung und der schwachen Anzahl an Kandidierenden wird aus dieser Schnapsidee schnell Realität. Man sitzt jeden zweiten Mittwoch eigentlich ohne große Motivation mit einigen, was die Motivation betrifft, Gleichgesinnten in einem Raum, in dem man manchmal langatmige, unsinnige aber eben auch häufig spannende Debatten über Kleinigkeiten und das große Ganze verfolgen oder sich an ihnen beteiligen kann. Die Momente, in denen der Funke überspringt, man sich in Bälde für ein AStA-Referat bewirbt, für einen Ausschuss aufstellt, zur Gesandtschaft für weitere Gremien bereit ist, sind greifbar, ja spürbar. Selbst für die meisten Beteiligten. Man beschäftigt sich mit der Administration, bis sie einem zu langweilig, eintönig wird. Das Verlangen nach Inhalt steigt. Man beteiligt sich zusätzlich an einer weiteren AG, Vorbereitungsgruppe für eine Veranstaltung oder fährt regelmäßig auf Demonstrationen. Wöchentlich. Nicht aus dem bloßen Profilierungswillen, sondern aus Progressivität. Ersteres vermiest Letzterem seit Langem das Image.

Die Anderen, so stellt sich in Übungen und Seminaren heraus, haben eine gewisse Affinität zu Text. Nicht ihn zu lesen, sondern selbst zu verfassen. Ihnen wird ein „cooler“ Schreibstil attestiert und sie landen kurzum bei einer Redaktionssitzung des Magazins, das von Studierenden hergestellt wird. Man fängt klein an. Vorerst nur ein kurzer Text. Nicht gleich überfordern. Das erste Heft mit dem eigenen Text erscheint. Zack, da ist er wieder, dieser Funke. Die Suche nach Bedeutung des eigenen Ichs bekommt einen Corpus, kann materiell erfasst werden. Die Gelegenheit ist günstig, andere verlassen das Magazin, ein Platz wird frei. Man übernimmt Verantwortung, die eigenen Vorkenntnisse passen in die Tätigkeit und verhindern eine vorschnelle Überforderung.

Dann sind da Vernachlässigungen von Vorgänger_innen. Man will es besser machen. Verändert hier und da Abläufe, scheitert hier und da am Mangel an Routine, was jedoch der Situation nicht abträglich ist, aus Mangel an öffentlichem Interesse. Dann kommt der Moment, da wird wieder eine Position frei, die noch mehr Verantwortung bedeutet. Aber auch eine größere Entscheidungsmacht ist immanent, man möchte nicht nur Teil sein, sondern selbst gestalten. Dass die Position frei wurde, weil jemand mit dem Posten zeitlich und damit dann auch inhaltlich überfordert war, lässt einen selbst nicht an der eigenen Eignung zweifeln. Konkurrent_innen gibt es kaum – aus Mangel an Personen und dem Wissen der Vorhandenen, dass der Posten nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Natürlich möchte man trotzdem noch inhaltliche Aufgaben haben und sein „Baby“ nicht aus der Hand geben. Die Aufgaben häufen sich dadurch – aus Mangel an anderen Personen, die diese abarbeiten könnten. Nun, als offizieller Vertreter erhöht sich der Kontakt zu anderen Gremien und dessen Mitgliedern. Kollegiale bis freundschaftliche Beziehungen bauen sich auf – auch zu Leuten, über die man eigentlich kritisch und neutral berichten muss. Widersprüche tun sich auf, die man selbst erst feststellt, wenn man darauf gestoßen wird. Man steht zwischen den Stühlen, zwischen Interesse an Gremienarbeit und der Verantwortung gegenüber der Redaktion, der man aufgrund von zeitlicher Überlastung und der eigenen Geltungssucht gar nicht gerecht werden kann.

Man fühlt sich nur wohl, bringt man sich gerade ein. Kommt man zu Hause an, geht einem gleichzeitig aber diese Beteiligung auf den Geist, weil sie einem kaum Raum für Privates gibt. Man geht dermaßen in seinem Engagement auf, dass man für Freunde nur innerhalb von Alkoholrunden Zeit findet. Es fehlt auch die Zeit, Gefühle zu entwickeln. Die Metamorphose zur Maschine vollzieht sich. Zwischenmenschliches basiert auf dem banalen Wunsch nach Sexuellem, weil für Mehr keine Zeit ist. Oder es gibt Phasen, in denen man – in der Hoffnung den Strohhalm zu greifen, der einen aus dem Maschinenraum holt – sich zwanghaft die Gefühle einredet, die für mehr als Sexuelles gebraucht werden, um es für sich selbst ernst wirken zu lassen.

Dann sind sie wieder da, diese Momente, in denen man etwas spürt. Doch nun sind es die Momente, die den Funken schwächen, er entzündet kein Feuer mehr. Sie ersticken es zunehmend.

Doch erkennt man diese Momente als Zeichen, befolgt man es besser. Man tritt von Posten zurück, schränkt seine Tätigkeit ein. Besinnt sich auf Administratives, gibt Verantwortung ab, die zeitraubend ist. Der kalte Entzug ist nicht notwendig, und funktioniert auch nicht. „Auseinandergehen ist schwer,“ wie Wanda vertont haben. Es werden Andere kommen, die mit frischer Energie diese Tätigkeit mindestens genauso gut ausüben werden. Und das ist auch gut so.

Zwei Wochen nach diesem scheinbaren Rückschritt, bemerkt man den Fortschritt. Die Entschleunigung macht sich bemerkbar. Termine sind wieder Erholung, keine Belastung. Man geht wieder gern hin. Wer den Moment nicht erwischt, tut nicht nur sich selbst keinen Gefallen, sondern auch der Institution nicht, der man vorsitzt, angehört. Ein Magazin mit einem überforderten, konzentrationsschwachen Geist ist kein Produkt, auf das man stolz sein kann.

Neben der Einpegelung des eigenen Terminplans und der Einschränkung des eigenen Jammertals hat dieses Loslassen auch einen anderen Vorteil: Man hat wieder Zeit, um zu fühlen. Andere. Und sich selbst.

Cover: Tanja Djordjevic CC BY-NC-ND 2.0