Die Stagnation durch Anteilnahme

Nach den Anschlägen in Paris zeigen sich erneut viele Menschen berührt. Es wird Anteilnahme gezeigt, andere suchen vermeintlich Schuldige. Gedanken zu den nötigen Folgen aus den Anschlägen.

Wieder einmal meinten religiöse Fundamentalisten ihre krude Wahnvorstellung mit Gewalt propagieren zu müssen. Ohne zu denken, folgen sie den Inhalten hasserfüllter, aber auch strategischer Prediger, lassen sich instrumentalisieren. Fasst schon ironisch erscheint es da, kramt man eine Aussage hervor, die zum Teil am Ende des Filmes Schindlers Liste aus dem Talmud zitiert wird und in ähnlicher, aber mit einem Schlupfloch versehenen Formulierung auch im Koran zu finden ist:

„[…], wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, [soll] wie einer sein, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“1

Die Einschränkung, „ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Land angerichtet hat“, lässt es natürlich zu, Mord nach persönlichem Empfinden zu legitimieren. Denn, wer definiert, was Unheil im Land ist? Eigentlich zur Legitimation der Befreiung von einer Tyrannei durch das letzte Mittel der Gewalt gemeint, interpretieren sogenannte „islamistische Terroristen“ hier weitreichende Kompetenzen hinein.

Der Klick zur Anteilnahme

Als zu Beginn des Jahres die meisten „Charlie“ waren, fand ich das komisch. Kaum jemand kannte die Zeitschrift, bevor ihre Redaktion niedergeschossen wurde. Und plötzlich taten alle, als merkten sie erst jetzt, dass es immer auch sie betrifft, wenn andere Menschen getötet werden.

Damals wie heute diskutierte man darüber, warum jetzt Anteil an westeuropäischen Opfern genommen werde, aber man sich für die Opfer von Anschlägen in Nahost, Nigeria (Boko Haram) oder anderen despektierlich „Dritte-Welt“ genannten Regionen nicht in dem Maße interessiere, wie man es hier tue. Getroffene wechselten in die Abwehrhaltung auch verbal ausgedrückter, verschränkter Arme und änderten ansonsten: nichts.

Ähnliche Themen geistern auch dieser Tage wieder durch das virtuelle Netzwerk und die Medien, die sich damit beschäftigen.

Nachdem im Zuge der Debatte um die Gleichberechtigung von homosexuellen Paaren facebook seinen Nutzer_innen einen transparenten Layer in Regenbogenfarben für das Profilbild anbot, wird jetzt selbiger in den Farben der französischen Tricolore präsentiert. Viele nutzten dies, um ihre Anteilnahme zu zeigen, um ihre politische Haltung zum Ausdruck zu bringen. Man symbolisiere Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wird geantwortet, spricht man jene auf ihre Intentionen an.

Tweet vom 15.11.15. Quelle: Screenshot.
Quelle: Screenshot.
Im Zeichen des Aufwandes

Der Vorwurf, hier würden mit einem Symbol eines Nationalstaates Nationalismen bedient, ist für die meisten, die das nutzen, sicherlich zu weit hergeholt. Das hat einerseits damit zu tun, dass sie kaum im Hinterkopf haben, vordergründig ein Nationalsymbol zu nutzen und was das für manche bedeutet; schon gar nicht, wenn sie nicht aus Frankreich sind. Und andererseits, aufgrund des deutlichen Ausspruches, die genannten Werte der französischen Revolution zu verteidigen.

Das Symbol bleibt dennoch fragwürdig. Es soll dazu nur noch gesagt werden, dass die Bewegung für „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in ihrem historischen Kontext betrachtet werden sollte. Für wen sollten diese Werte wirklich zu der Zeit gelten? Wir befinden uns dabei im ausgehenden 18. bis ins 19. Jahrhundert hinein. Das Zeitalter des Nationalismus beginnt hier. Freiheitsbewegung sind häufig nationalistisch geprägt. So zum Beispiel auch in Deutschland durch die Burschenschaften.

Im SZ-Blog „Phänomeme“, der sich mit eben diesen im Internet beschäftigt, wird ein Vergleich aufgemacht. Man kritisiert die Kritik am Ausdruck der Anteilnahme durch eine Profilbildänderung. Das Anzünden einer Kerze, heißt es hier, sei doch in der Wirkung ebenso folgenlos oder marginal, rufe aber nicht solch eine Kritik hervor. Dieser Vergleich hinkt jedoch gewaltig. Die Handlung der Anteilnahme durch das Anzünden einer Kerze auf einem öffentlichen Platz, als haptisches Erlebnis im Bunde mit einer gewissen Menge an Gleichgesindten, erfordert einen ganz anderen persönlichen Aufwand, als es das stumpfe Klicken vor einem kalten Bildschirm überhaupt zulässt.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt mir, dass es häufig bei der Anteilnahme durch ein Ändern des Profilbildes bleibt. Die Frage nach der Relevanz der Anteilnahme im Allgmeinen stellt sich. Wozu führt das Zeichen der Anteilnahme? Verändert es etwas? Lässt es weitere Attentate zu oder nicht? Interessiert es die Angehörigen der Opfer überhaupt, ob anderswo, durch das simple Wechseln des Profilbildes, Anteil genommen wird?

Die Herrschaft des Volkes

Die Demokratie in Europa scheint einem Missverständnis zu unterliegen. Sind von Interessengruppierungen politische Veränderungen gewünscht, heißt es kommod und schuldzuweisend: „Die Politik muss mal was machen!“; oder auch resignierend: „Die da oben machen eh, was sie wollen.“ Dass „die da oben“ gewählte Repräsentant_innen des Volkes sind und nicht eine transzendente, oder von einem transzendenten Wesen gewollte, herrschende Gruppe sind, scheint nicht durchgedrungen zu sein. Es kristallisiert sich als Armutszeugnis des Volkes, dass es in der Demokratie, in der es der Souverän ist, sich selbst derart entmachtet.

Nach jedem Attentat sollte die Frage im Raum stehen und beantwortet werden: Wollen wir die nächsten Jahre immer weiter symbolisch Anteil nehmen oder etwas tun, damit wir nicht ständig Anteil nehmen müssen?

Dabei kann die Lösung nicht eine Abschottung sein. Das würde die Ursachen der globalen Probleme, die auch das Handeln vieler Terroristen erst hervorbringen, eher befeuern. Und um den verbalen Brandstifter_innen von PEGIDA ihr christliches Abendland vorzuhalten, dass sie so propagieren, darf hier die häufig vergessene Bergpredigt zitiert werden, in der es heißt:

„Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?
Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“2

Wer also möchte, dass das Elend auf diesem Planeten kleiner wird, sollte neben dem Ausspruch von humanistischen Werten auch nach diesen Handeln. Sonst ist er_sie nicht besser, als die rhetorisch gewandten Politker_innen, denen er_sie so wenig selbstreflexiv vorwirft, nur zu reden und nicht zu handeln.

Es gäbe genug Handlungsbedarf, dessen Erfüllung vereinzelt wenig bewirkt, in der Masse jedoch viel – im Alltäglich-Banalen wie Politisch-Abstrakten. Hier einige Beispiele:

  • zuvorkommender, freundlicher Umgang mit dem eigenen Umfeld
    • Tür aufhalten, Trost spenden, Hilfe leisten, kleine Geschenke machen
  • Begrenzung des ständigen Neukaufs von „Luxusgütern“ wie Smartphones und andere Elektronik (Es gibt übrigens auch schon gute Fairphones.)
  • Überdenken der Ernährung
    • Prüfung der Herkunft und der Produktionsbedingung von Lebensmitteln
    • Begrenzung des Fleischkonsums
  • Abkehr von der direkten und indirekten Unterstützung von Rüstungsindustrie Kinderarbeit, Ausbeutung, Umweltschäden
    • bspw. Boykottierung von zerstörerisch tätigen Unternehmen
      • und ja, es gibt Alternativen.
  • Einsatz für einen gemeinsamen Religions- bzw. Ethikunterricht ohne Trennung in Konfessionen
  • Unterstützung von ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit
  • soziales Engagement in Vereinen und Initiativen

Niemand kann und muss alles tun. Auch ich selbst leiste mir hier und da meine Doppelmoral. Doch jede_r kann kleine Beiträge leisten. Viele Taten sind banal und erfordern kaum ein Ausbrechen aus der gern zitierten Komfortzone. Doch sind sie in ihren Folgen deutlich weitreichender, als die erstmal folgenlose, hohle Phrase, die das Ändern eines Profilbildes darstellt.

Ich habe – nur als Beispiel für die Banalität, mit der man schon einiges erreichen kann – gerade am Montag vor den Anschlägen die Bank gewechselt. Mein Geld wird nach der Umstellung aller Modalitäten zukünftig bei der „Gemeinschaft Leihen und Schenken“ liegen und die Gewinne der Bank aus meinem Geld vornehmlich in Wohnprojekte investiert, da ich das als Wunsch angegeben habe.

Prinzipien der GLS Gemeinschaftsbank. Quelle: Screenshot der Homepage
Prinzipien der GLS Gemeinschaftsbank. Quelle: Screenshot der Homepage

Also letztendlich die bedeutsame Frage: Wie wollen wir weitermachen?

Bei facebook bekam ich von meiner Kommilitonin Dörte einen Kommentar, der vieles nochmal erhellt und relativiert hat, indem sie einen Gedanken einbrachte, der mir in der Beschäftigung damit so noch nicht gekommen war, den ich aber für sehr wichtig halte:

„Mitgefühl und Anteilnahme (ob öffentlich, digital oder privat) sind aber der erste Schritt, um Veränderungen im Denken und Handeln herbeizuführen. Daher sollte jeder (egal welchen politischen, ethisch-moralischen oder religiösen Grundsätzen er/sie folgt) seine Anteilnahme zum Ausdruck bringen können, ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden. Empathie für andere zu empfinden, ist meiner Ansicht nach die Basis, um aus einem egozentrischen Weltbild auszubrechen. Und wenn sich die Menschen selbst die einfachste und zugegeben bequemste Form der Empathie (die Änderung des Profilbildes) sparen können, was bleibt dann noch? Wo sollen sie/wir dann anfangen, wenn selbst der kleinste Schritt in die richtige Richtung schon zur Stolperfalle gemacht wird? Mehr von den Menschen zu erwarten, zu fordern, ist natürlich absolut richtig, aber beurteilen können wir es darum noch lange nicht. Das muss dann jeder mit seinem eigenen Gewissen abmachen. Wichtiger ist es (wie du in deinem Beitrag auch geschrieben hast), Angebote und Motivation für weiterreichende Maßnahmen zu schaffen!“


Cover: Moyan Brenn CC BY 2.0

  1. Sure 5:32, zitiert nach der Übersetzung von Max Henning, überarbeitet und herausgegeben von Murad Wilfried Hofmann, in: Küng, Hans (Hg.): Die heiligen Schriften der Welt, Band: Islam, Der Koran, Kreuzlingen/München 2005, S. 111f. []
  2. Mt 5,46-47, zitiert nach: Küng, Hans (Hg.): Die heiligen Schriften der Welt, Band: Christentum, Die Bibel, Kreuzlingen/München 2005, S. 1147. []

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