Sie kommen meistens nachts, um die Leute zu holen. / Hinterher steht wieder eine Wohnung leer. / Die Zeitungen sind voll mit Durchhalteparolen, / aber Zeitung liest sowieso keiner mehr. // Überall sind Kameras angebracht, / alles wird rund um die Uhr überwacht. / Die Grenzen sind geschlossen; seit Jahren schon. / Dir bleibt nur noch die innere Emigration. //

Was Farin Urlaub auf seiner neuen Single „Herz? Verloren“ im Song „Die perfekte Diktatur“ reimt, erfüllt seinen Zweck. Alles scheint zum Greifen nahe. Die Überwachungsdiktatur schwänzelt, äußerst perfide, im Demokratiekostüm um uns herum. „Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung“, pofallate es im letzten Sommer. Wer’s glaubt, wird selig.
Da niemand so schön sichtbar lügt wie der designierte extra 3-Preisträger des „Silbernen Hilfssheriff-Sterns der NSA“ Ronald Pofalla, haben wir kurz herzlich gelacht, uns dann einen Tag aufgeregt und sind wieder schlafen gegangen. Zurück in unsere Traumwelt, unseren Dornröschenschlaf. Zurück in die Lethargie des fremdbestimmten Lebens, die Lethargie des gesetzestreuen Bürgers. So, wie wir es immer tun. Ein Ausdruck unserer eingebildeten Ohnmacht.
Es scheint, als bräuchten wir zu jeder Handlung eine Anweisung: Es wird uns eine Information präsentiert, die klar aufzeigt, was zu ändern wäre, doch ohne dass die bisher übliche Handlung gesetzlich verboten wird, bewegt sich Maxi Mustermann nicht einen Zentimeter von der Stelle. Der Bequeme regt sich leise auf und lädt weiter seine Nacktbilder in die IKlaut.
Wir wissen alles, aber handeln nie entsprechend. Wir wissen, wie das DFB-Trikot mit den vier Sternen hergestellt wird, und wie viel Geld wirklich bei den ProduzentInnen ankommt – circa zehn Prozent des Preises von 85 Euro –, aber wir kaufen es. Und damit wir uns danach nicht schlecht fühlen, verschütten wir kostbare fünf Liter Wasser, für die sich Peruaner in ein paar Jahrzehnten die Köpfe einschlagen werden, spenden für die medizinische Forschung zehn Euro, die letztendlich eine Spende an die Pharmaindustrie sein werden, und glauben dann, wir hätten gerade die Welt verbessert. Nun wird man sich fragen: Aber was ist denn nun die richtige Handlung? Machen wir denn alles falsch? Vielleicht wäre einfach nur etwas mehr Konsequenz förderlich.
„Man hat das Gefühl, Informatiker sein zu müssen, um ein Recht auf Privatsphäre zu haben“, so oder so ähnlich äußerte sich Prof. Dr. von Wensierski kürzlich im Literaturhaus. Damit hat er die Ohnmacht im Falle Überwachung ganz schön auf den Punkt gebracht.
Das Gefühl, Techniker sein zu müssen, um mit technischen Hilfsmitteln die Intimität zu schützen, mag aus erster Betrachtung auch logisch erscheinen. Aber: „Wenn ich mir ein Bein breche, müsste ich Arzt sein, dann könnte ich mich selbst darum kümmern.“ Absurd, oder?
Die Überwachung durch staatliche Organisationen ist – spätestens seit 9/11 – möglich, weil wir das als Gesellschaft wollen, schließlich existieren Gesetze, die das regeln. Wenn wir von staatlichen Organisationen nicht überwacht werden wollten, dann müssten wir uns als Gesellschaft dafür einsetzen, dass Gesetze das Vorgehen anders regeln, als sie es jetzt tun. Zusätzlich müssten wir uns, in aller Konsequenz, dafür einsetzen, dass diese Regeln durch die dafür vorgesehenen oder zu schaffenden Organe durchgesetzt und eingehalten werden.
Die Angst davor, nicht jede potenzielle Straftat vor ihrer Ausübung zu entdecken, darf nicht die treibende Kraft der Verantwortlichen in Legislative und Exekutive sein. Schon gar nicht darf sie die Einführung von Methoden rechtfertigen, die darauf abzielen, möglichst alle greifbaren Informationen zu sammeln und sich aus diesen die noch zu definierenden Indizien herauszusuchen.
Der Missbrauch der eigenen Daten durch Kriminelle stellt eine andere Ausprägung des gleichen Problems dar. Dieser Fall ist anders, weil hier größere Einigkeit darüber herrscht, dass es sich um falsches Verhalten handele – es gibt schließlich Gesetze und auf deren Einhaltung wird durch den Staat mit seinem Machtmonopol gedrungen. An dieser Stelle kann jedoch der selbst eingerichtete Schutz helfen. Da der Schutzmann nicht neben jedem Internetanschluss stehen und prüfen kann, ob nur Harmloses durch die Leitung kommt.
Denn auch wir fragen uns: Warum kann ich eigentlich meine Nacktfotos nicht auf einen Speicherplatz im Internet laden und mit meinen Freunden über meine Gefühle per Whatsapp reden, wenn der Hersteller mir doch zusichert, bei ihm seien die Daten sicher aufgehoben? Zuhause darf ich schließlich auch nackt durch die Wohnung laufen und in der Telefonzelle doch auch über meinen Kummer reden! Wieso kann ein Stück meines Zuhauses nicht auch in der Cloud oder auf dem Telefon sein?! Und warum verdammt noch mal bin ich schuld, wenn andere in mein Zuhause einbrechen, meinen Schlübberschrank durchwühlen und ihre Funde in aller Welt verteilen?!
Ach, Denken macht einfach unglücklich. Deshalb lieber handeln! Zum Beispiel so wie die Stockholmer Right Livelihood Award Stiftung, die Snowden und Guardian-Herausgeber Alan Rusbridger als aufrechte Bürger mit dem Alternativen Nobelpreis ehren will.
Wissenschaftlichkeit hin oder her.

Autoren: Fritz Beise und Marcus Sümnick plädieren nicht nur in der Soziologie für die Einführung einer Handlungspraxis.


Hinweise, wie man Konsequenzen ziehen kann finden sich hier ebenfalls auf dieser Website unter „Safety First“.