Die Einheit: Geht Wir auch ohne Die?

Das Feiersymposium zum Jubiläum der deutschen Einheit weckt Zusammengehörigkeitsgefühle. Aber sie werden nicht auf die nächste Ebene abstrahiert.

In diesen Tagen versenkt sich die Aufmerksamkeitsspanne wieder in einer egozentrischen Feierei. Nationalstaatssymbolik aus den letzten Jahrhunderten wird hervorgekramt. Diskussionsrunden beschäftigen sich zum X-ten Male mit der Frage, wie viel doch gar nicht so schlecht war in der DDR und wie weit das Charakteristikum Unrechtsstaat die historische Realität trifft oder eben nicht. Nur um festzustellen, dass man das aus unserer Perspektive nicht mehr klar machen kann, da es uns an den umfassenden Fakten fehlt. Die eine Doku behauptet dagegen, es war ein Unrechtsstaat durch und durch, die andere wiederum, es war vieles gut und im Alltag war davon kaum etwas zu spüren. Jede_r hatte seine oder ihre eigene Realität. Keine Antwort wiederholt sich zu 100 Prozent auf die Frage, wie es für eine Person in der DDR war.

Bis zur Generation meiner Eltern hört man die Sätze noch: „Die sind aus’m Westen.“ „Wir ham‘ Westbesuch.“ „Merkt man gleich: Is’n Wessi.“ „Wir im Osten …
Deren Kinder interessieren sich für dieses Wir und Die über Bewohner_innen von Ost- und Westdeutschland kaum. Schließlich schießen diese Klassifizierungen oft ins Leere. Wie oft stellt sich nach kurzem Gespräch heraus, dass das Gegenüber zwar seit 20 Jahren in der Karl-Marx-Stadt Chemnitz wohnt, aber eigentlich 1995 aus Essen rüberkam, also gar kein_r richtige_r Ossi ist. Dann lässt sich nur noch Fragen: Wozu wollte man überhaupt wissen, woher die Person kommt?

Natürlich gibt es auch weiterhin Beispiele, die diese Trennung unterstreichen. Auf dem Highfield Festival bei Leipzig begrüßte uns, Rostocker_innen, eine Mittzwanzigerin aus dem Münsterland mit den Worten: „Hey, ihr habt so’n Wessi-Akzent, wo kommt ihr her?“ Ich fühlte mich irgendwie beleidigt. Nicht, weil ich für einen „Wessi“ gehalten wurde. Eher, die Ignoranz dieser Frau, mit der sie schlicht davon ausging, dass Ostdeutsche alle Sächseln oder Berlinern würden, war das, was mich kränkte. Ihre Unwissenheit bereitete mir nicht nur psychische sondern gar physische Schmerzen.

Im Fernsehen hingegen wird meine Generation dieser Tage häufig gefragt, ob sie noch Unterschiede zwischen Ost und West spüren würden. Die Delinquent_innen antworten häufig mit diesem einen Satz, der Hoffnung macht, sie jedoch zugleich an anderer Stelle ein kleines Bisschen sterben lässt.

 Ich seh‘ da keinen Unterschied mehr, wir sind doch alle Deutsche.

Ein Satz, der aus einem Wir und einem Die ein neues Wir und ein neues Die formt. Die Deutschen feiern sich dafür, dass sie kapiert haben, dass die Arschlochquote auf beiden Seite der Mauer gleich groß war und sich damit auch auf die gesamtdeutsche Bevölkerung übertragen hat.

Doch vergessen sie dabei, diese Erkenntnis auf die höheren Ebenen zu übertragen. Aus einem getrennten Nationalgefühl ist nur ein vereintes Nationalgefühl geworden. Wobei das aufgrund von immer noch vorherrschenden Ungleichbehandlungen in finanziellen Belangen hier und da nicht vollständig existent wird.

Die momentane Situation in Europa verlangt aber genau jene Erhöhung des Einheitsgefühls. Dieses Wir benötigt höhere Abstraktionsebenen. Es muss allen klar werden, dass die Arschlochquote überall gleich ist. Dann sollten Kausalketten folgen, beginnend bei

Deutsch oder nicht Deutsch? Ich seh da keinen Unterschied mehr, wir sind doch alle Europäisch.

und der Logik folgend:

Europäisch oder nicht? Ich seh da keinen Unterschied mehr, wir sind doch alle Menschen.

Wenn die Einheit des Planeten gefeiert wird, fang ich auch wieder an, so einen Feiertag rundum gut zu finden. Doch solange eine Dichotomie von menschlichen Gruppen aufgehoben wird, nur um sich erneut, dann aber gemeinsam, von scheinbar anderen Menschen zu distanzieren, gilt es das noch mal zu überdenken.

Da es aber ohne eine Wir-Gefühl im menschlichen Zusammenleben irgendwie nicht funktioniert, darf eine Dichotomie auch weiterhin bestehen: Arschloch oder nicht.

Cover: Eva-Maria Vogtel cc by 2.0

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