Über Christoph Hartings Nationalbewusstsein, Julia Krajewskis Angstschiss und andere Wehwehchen in der deutschen Sportlandschaft zu Olympia in Rio.

Schauen wir zu beginng in die Vergangenheit: 2013. Mitte Juli. In Barcelona findet die Schwimm-WM statt. 25 Kilometer liegen vor Thomas Lurz: Der 33-Jährige steht, mit offener Wunde, zum ersten Mal am Start der Marathon-Distanz. Am Ende überquert er in unter fünf Stunden als erster die Ziellinie. Ein sportliches Wunder, könnte man sagen. Könnte. Der Reporter allerdings bezeichnet diese Leistung als „Triumph des Willens“.1

Bundesarchiv, Bild 183-2004-0312-503, CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-2004-0312-503, CC-BY-SA 3.0

Auf obigem Foto sieht man am rechten Rand neben der Kamera Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu ihrem Propagandafilm über den Reichsparteitag der Einheit und Stärke der NSDAP am 1. September 1934 in Nürnberg. Der Film trägt den Titel: Triumph des Willens.2

Apropos Parteitag: 13. Juni 2010. Die DFB-Auswahl der Männer trat gegen die australische an. Miroslav Klose erzielt in der ersten Halbzeit ein Tor und Katrin Müller-Hohenstein ist sich sicher: „… für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag, dass der heute hier trifft. Seien wir mal ganz ehrlich.“3 Seien wir also mal ganz ehrlich: Ja, der Spruch hat eine lange Geschichte und wurde auch von Gegnern des Nazi-Regimes in spöttischer Weise gebraucht. Doch muss man solche Sätze, die am Stammtisch unter Freunden lustig sein können, weil alle den gleichen Humor haben und die Ironie verstehen, im Fernsehen rausknallen? Das wird man doch wohl noch anders sagen können! Wie wäre es mit: ein inneres Fußbad. Oder: ein inneres Blumenpflücken. Geht’s auch mit weniger Pathos und Nazi-Sprech?

Das ZDF hat übrigens damals per Twitter mitgeteilt: „Es war eine sprachliche Entgleisung. […] Es wird nicht wieder vorkommen.“4 Zumindest bei Katrin Müller-Hohenstein. Marietta Slomka fragte nämlich 2013 in der Halbzeitpause des Champions-League-Finales zwischen Borussia Dortmund und Bayern München vor einer Schalte nach Deutschland wie „die Stimmung an der Heimatfront“ sei.5 Ist jetzt auch nicht wirklich besser.

Vereinzelt zeigten sich deutsche Sportreporter_innen der öffentlich-rechtlichen Hauptsender also mit wenig Feingefühl für historische Zusammenhänge und glauben, das, was zu Hause beim Grillen lustig sein kann, auch im Fernsehen äußern zu können. Sie vergessen dabei vollkommen, dass sie als Personen in der Öffentlichkeit auch Vorbilder und Meinungsmacher sind. Was sie sagen und machen, verbreitet sich für immer in die ganze Welt; dank Kameras, Internet und Social Media.

Zudem offenbart sich, wie stark verankert militaristische und nationalsozialistisch verunglimpfte Begriffe im modernen deutschen Sprachgebrauch sind. Darin lässt sich ein unglaublicher Mangel an historischem Bewusstsein und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erkennen. Wer jetzt erwidern möchte, dass fast jedes Wort, dass hier geschrieben steht, auch schon von Nazis benutzt worden ist, weshalb man nach meiner Logik ja gar nichts mehr sagen dürfe, der schießt wirklich „mit V2-Raketen auf Spatzen“6. Es geht schließlich nicht darum, dass ein Nazi mal irgendetwas gesagt hat, sondern um die Bedeutung, die hinter bestimmten Wörtern steckt. Wer vergisst, was Begriffe wie Heimatfront, Endlösung oder Sonderbehandlung eigentlich auslösten oder beinhalten, marginalisiert und verunglimpft auch die Opfer, weil er sie nicht ernst nimmt und ihnen den Respekt wortwörtlich abspricht.7

Braune Striche

Nach dieser kurzen Reise in die Vergangenheit kehren wir nun zurück in die Gegenwart: Die Olympiade in Rio de Janeiro. Nach der Weltmeisterschaft im Fußball der Herren schon wieder ein Großereignis in Brasilien, das der Bevölkerung, besonders der armen, nichts bringt, auch dem Ansehen des Staates weltweit kaum zuträglich ist. Einzig internationale Sportverbände erzielen einen gigantischen Haufen Moneten. Unter Sportkommentator_innen hat sich ebenfalls kaum etwas verändert.

Carsten Sostmeier ist bekannt dafür, süffisante Sprüche rauszuhauen. Für seine lockere Art, den Reitsport zu begleiten, bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Dieses Jahr war Julia Krajewski zum ersten Mal bei Olympia dabei und hatte etwas Schwierigkeiten, ihr Pferd im Zaum zu halten. Sostmeier aphorisierte, was das Zeug hielt: Krajewski hätte den „Chicken Way“, den Weg „der Angsthasen, den der blassen Nasen“ ausgesucht. Sie habe „von Anfang an einen braunen Strich in der Hose“ gehabt. „Schlimmer gehts nimmer – fehlt nur noch, dass sie ausscheidet.“8 Hatte sie nicht schon einen braunen Strich in der Hose? Doppelt ausgeschieden?

So lustig das auch sein mag: Wie sich ein Sportreporter erhaben über die Sportlerin hinstellt – und ihr mangelnde Risikobereitschaft in einem Ton vorwirft, den er vielleicht beim privaten Skatabend unter Schenkelklopfenden hervorbringen kann, aber nicht bei einem öffentlichen Sportereignis – ist nur noch abstoßend. Da wundert es einen auch nicht, wenn die junge Reiterin seine Entschuldigung nicht annimmt.9

„Tritt man der deutschen Hyäne auf den Schwanz, fletscht sie ihr nationalistisches Gebiss.“10

Handelte es sich hier lediglich um persönliche Beleidigungen, eröffnete das Verhalten von Christoph Harting – bislang im Schatten seines Bruders Robert – einen Entrüstungssturm. Fassen wir kurz zusammen: Da holt jemand Gold im Discuswerfen, der zu vor (auch aufgrund seiner Abneigung Interviews zu führen) nur seiner Mutter bekannt war, und sitzt dann nicht still im Kämmerlein bei Rotwein unter dem Porträt von Otto von Bismarck, sondern hampelt selbst bei der Nationalhymne herum, ja, verschrenkt die Arme vor der Fahne und pfeift das Deutschland-Lied auch noch mit. Wenn das der Führer …! Sorry, eine schriftliche Entgleisung. Kommt nicht wieder vor.

In den Reaktionen liest sich das Ganze, als hätte der Sieger nicht während der Hymne gepfiffen, sondern gleich die Flagge angezündet und die Mitstreiter auf dem Podest erschossen. Er hätte die Nation und deren Symbole beschmutzt. Man darf zwar arrogante Posen veranstalten und sich als Held des Universums feiern lassen, wie Usain Bolt oder Robert Harting, der in seiner Freude jedesmal sein Trikot zerreißt, aber bei der Siegerehrung haben die Hacken zu knallen! Damit das klar ist!

Nicht nur in der Sprache scheinen Bevölkerungsteile dieses Landstriches in einer Zeit zu verharren, dass es nur so gruselt. Vielleicht hätte Harting wie Gotthard Handrick auf folgendem Foto posieren sollen?!

Siegerehrung im Modernen Fünfkampf, Olympia 1936, 1. Gotthard Handrick (Deutsches Reich), 2. Charles Leonhard (USA), 3. Silvano Abbà (Italien); Bundesarchiv, Bild 183-G00825, CC-BY-SA 3.0
Siegerehrung im Modernen Fünfkampf, Olympia 1936, 1. Gotthard Handrick (Deutsches Reich), 2. Charles Leonhard (USA), 3. Silvano Abbà (Italien); Bundesarchiv, Bild 183-G00825, CC-BY-SA 3.0

Man stelle sich vor, Harting hätte auf dem Podest noch gesungen: „So gehen die Polen, die Polen die gehen so …“11 (Auf Platz zwei landete ein Pole). Darüber hat man sich im Falle Argentiniens bei der Feier am Brandenburger Tor 2014 noch (zurecht) aufgeregt und der Nationalmannschaft Arroganz bis (etwas voreilig) Rassismus vorgeworfen, aber vor der Fahne während der Hymne muss man nationalistisch Haltung annehmen! Und wehe, wenn nicht! Da geht der Shitstorm aber los.

Eine Fahne übrigens, deren Symbolik nicht zwingend für eine demokratische, rechtsstaatliche, humanistische Vergangenheit steht. Als Farben des Lützower Freikorps haben wir es in erster Linie mit einer nationalistischen Bewegung zu tun. Da kann man also nicht angemessener reagieren, als ein Liedchen zu pfeifen und sich eins zu grinsen, wenn man davor stramm stehen soll. Das Verhalten während der Hymne scheint in Deutschland ja ein grundsätzliches Problem zu sein (Mitsingen oder nicht), wobei man eigentlich nur froh sein kann, dass die Ballkünstler nicht allzu laut versuchen mitzu“singen“.

Ganz nebenbei: Was haben eigentlich Militärs auf einem Sportfest zu suchen? Schlimm genug, dass die Masse der Sportler_innen bei der Bundeswehr unterhalten wird, weil es nicht möglich ist, in Deutschland mit bestimmtem Spitzensport abseits von Fußball ein Auskommen zu erzielen, das einem ermöglicht, sich die Trainingsbedingungen leisten zu können, die man für einen andauernden Erfolg benötigt. Nein, da stehen allen Ernstes uniformierte Soldat_innen und ziehen die Fahne den Mast hoch, während ein pathetisches Lied aus dem 19. Jahrhundert gespielt wird. Im Jahr 2016! Und das stört niemanden? Sondern vielmehr, dass der Mann nicht strammsteht? In tiefem Respekt für die, die ihr Blut für das Vaterland hingaben, oder wie?

Freude bei Olympia bitte nur mit Medaillengewinn!

Erscheckend, was von Sportler_innen erwartet wird und was passiert, wenn sie sich nicht in diese Rolle fügen.

„[…] wenn er sich der Presse-, Medien- und Vermarktungsmaschine verweigert, schadet er vor allem sich selbst. Der Diskus-Mann könnte nämlich jede Menge Sponsoren- und Werbe-Kohle einfahren, wenn er Euch den glattgebügelten Sporthelden aus dem Genlabor machen würde. Als laufendes Olympia-Abziehbild mit Interviews aus der Textbausteinhölle und seiner Silhouette auf der Discounter-Mortadella…“12

Money, Money, Money … Man scheint vergessen zu haben, was das Wort Sport eigentlich bedeutet. Es stammt aus dem Mittelenglischen von „Disporten/Desporten“, was so viel heißt wie „sich amüsieren“, „fröhlich sein“ oder auch „sich ablenken“.13 Warum also sieht man es als falsch an, wenn sich Sportler_innen amüsieren und über ihre Leistung fröhlich sind? Wo ist der Geist von Olympia hin? Nicht nur Sportreporter_innen sondern Sportler_innen selbst scheinen das nicht immer verinnerlicht zu haben. Die wegen einer Verletzung nicht bei Olympia beteiligte Sabrina Mockenhaupt beschwerte sich bei facebook (Beitrag schon wieder gelöscht), dass die Hahner-Zwillinge Anna und Lisa fröhlich und Hand in Hand beim Marathon über die Ziellinie gelaufen seien, obwohl sie nur 81. und 82. wurden. Die 44. und beste Deutsche, Anja Scherl, sei in der Berichterstattung vollkommen untergegangen.14

Ist ja wirklich unerhört! Wie kann man sich als Olympiateilnehmende über den Zieleinlauf freuen! Wenn man keine Medaille ergattert, hat man gefälligst am Boden zerstört auf die Tränendrüse zu drücken, auf dass der übersteigerte Ehrgeiz nur so herausschießt! Und sowas vertritt Deutschland! Danke Merkel!!!1!!11!drölf

Im Zusammenhang mit sportlichen Ereignissen fehlt es also nicht nur in der Reportage und in Kommentaren von Zuschauenden sondern selbst unter einigen Sportler_innen an Bescheidenheit, Zurückhaltung und/oder historischem Bewusstsein. Den Befürworter_innen von steifer Untertanengefolgschaft und Angepasstheit an Vermarktungsrichtlinien des Spitzensport sei daher vorgeschlagen: Wie wäre es mal mit einem Triumph des Chillens? Das geht. Man muss nur wollen.


Cover: Screenshot, Youtube-Player, Sportschaubeitrag zur Siegerehrung von Christoph Harting während des Abspielens der Nationalhymne, https://www.youtube.com/watch?v=tWgQKVhQ2eU

 

  1. http://www.netz-gegen-nazis.de/beitrag/kein-triumph-des-willens-8874 []
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Triumph_des_Willens []
  3. https://www.youtube.com/watch?v=tuqUIUQ0Af0 []
  4. http://www.twitlonger.com/show/1s0ejb []
  5. http://www.netz-gegen-nazis.de/beitrag/kein-triumph-des-willens-8874 []
  6. http://www.spiegel.de/kultur/tv/innerer-reichsparteitag-fuer-klose-spruch-von-zdf-moderatorin-loest-protest-aus-a-700458.html []
  7. siehe auch Henryk Goldbergs Kommentar, http://www.getidan.de/gesellschaft/henryk_goldberg/11339/warum-reichsparteitag-gedankenlos-und-unsensibel-ist []
  8. http://www.tz.de/sport/mehr/olympia-2016-rio-ere193340/olympia-2016-ard-repoter-beleidigt-reiterin-brauner-strich-hose-zr-6649225.html []
  9. Ebenda. []
  10. Ausspruch von Serdar Somuncu in seinem Programm „Der Hassprediger“ []
  11. http://www.stern.de/kultur/micky-beisenherz/christoph-harting–micky-beisenherz-ueber-den-empoerungsmarathon-7009180.html []
  12. https://www.facebook.com/lorenz.meyer.der.charismatische.guru.das.bin.ich/posts/1245056162181160 []
  13. Markovits, Andrej: Sport als Motor und Impulssystem für Emanzipation und Diskriminierung, Wien 2011, S. 11. []
  14.  http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-2016-hahner-zwillinge-werden-fuer-jubel-kritisiert-a-1107687.html []