„Kommunismus“, „Kriegskommunismus“, „Kommunistische Gewaltdiktatur“. Über das Benutzen von politischen Begriffen ohne kritische Reflexion in der Historiographie.

These: kommunistisches Begriffschaos

Im Laufe meines Studiums der Geschichte und der Soziologie begegnete mir Karl Marx und vieles von dem, was aus ihm gemacht wurde, in einer bemerkenswerten Häufigkeit. Dabei fiel auf, dass gar im akademischen Alltag der Lehre selten Begriffe definiert werden, bevor sie zum Einsatz kommen. Die wenigsten werden zumindest kritisch hinterfragt, was Aufgabe der Dozierenden wäre, da dies von jüngeren Semestern nicht erwartet werden kann.

In beiden Überblicksvorlesungen zur Geschichte der Sowjetunion zweier verschiedener Dozenten, die ich erleben durfte, wurde beispielsweise die Phase von 1918-1921 mit „Kriegskommunismus“ überschrieben, ohne die Herkunft dieses Begriffs nennenswert zu klären oder gar kritisch zu hinterfragen. Erst auf Nachfrage erhielt ich den Hinweis, dass es sich wahrscheinlich um eine zeitgenössische Bezeichnung handele.

Die Begriffe Sozialismus und Kommunismus geistern durch sämtliche Sujets der letzten von mir bearbeiteten Themen in Geschichtsseminaren: Geschichte der Arbeiterbewegung, Revisionismusstreit in der SPD, das Attentat auf Jean Jaurès, Stalin als Feldherr, Geschichte der Sowjetunion etc.; oder im Soziologischen: soziologische (Theorie-)Klassiker, Klasse/Stand/Schicht, Gesellschaftsmodelle, Ideale, Utopien. Und fast immer wurden sie in Büchern und Vorträgen wild durchmischt, ihres Definitionsrahmens entrissen, abhängig von der Willkür oder Weltanschauung derjenigen, die da redeten oder schrieben.

Selbst die Nachrichten lassen mich damit nicht in Ruhe. Wenn China oder Nordkorea im Blickpunkt stehen, wird von kommunistischer Führung oder Diktatur gesprochen. Jedes Mal, wenn das passiert, möchte mein auditiver Cortex aus dem Schädel springen und davonlaufen.

In der August-Bebel-Straße in Rostock begrüßt eine Gedenktafel, für die ein Rostocker Historiker verantwortlich zeichnet und die an die Opfer einer „kommunistischen Gewaltdiktatur“ von 1945-1989 erinnert, alle Besucher_innen des Hauses der Justiz. Das Problem zeigt sich also nicht nur im auditiven Bereich.

ANTITHESE: Zur Revolutionstheorie von Marx

Karl Marx war kein Erfinder im absoluten Sinne. Vieles in seinen Schriften geisterte schon zu seinen Lebzeiten umher und war nichts Neues. Ein bisschen deutscher Idealismus von Hegel und ein wenig französischer Sozialismus von Saint-Simon garniert mit der Kritik an der englischen Nationalökonomie von Adam Smith, David Ricardo oder John S. Mill.1 Dies soll hier vorausgeschickt werden, um eine erste These von Marx zu untermauern: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Alles Gedachte steht in Abhängigkeit zu den gegebenen Verhältnissen um den oder die Denker_in. In der Historiographie spricht man vom historischen Kontext, dem Historiker_innen selbst allzu häufig zum Opfer fallen. Interessierten sie sich zur Zeit der aufkommenden Nationalstaaten (19. Jh.) vornehmlich für die Geschichte der Fürstenhäuser und Nationen, wurden mit Etablierung der Demokratie zusehends Themen aus den Bereichen Kultur, Mentalitäten und soziale Strukturen des allgemeinen Volkes interpretiert.

Das gesellschaftliche Konzept von Marx basiert auf der These des historischen Materialismus. Interessen antagonistisch veranlagter Gesellschaftsgruppen würden die Entwicklung der Menschheit einer Gesetzmäßigkeit folgend vorantreiben.2 Vereinfacht formulieren Marx und Engels im Kommunistischen Manifest den berühmten Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“3 Erst, „wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein.“4 Marx geht davon aus, dass es solange soziale Konflikte geben wird, „solange es herrschende und beherrschte Klassen gibt“.5

Daraus wird das Ziel der ganzen Gesellschaftstheorie ersichtlich: Die „schließliche Abschaffung von Klassen“6 und damit von Herrschaft und ihr immanente Unterdrückung. Um dies zu erreichen imaginiert Marx einen theoretischen Weg, der einen Zwischenschritt voraussetzt.

Dieses schrittweise Vorgehen zur Abschaffung der Klassen wird deutlich, schaut man sich die gut zusammengefasste Definition der marx’schen Begriffe Sozialismus und Kommunismus von Ditmar Brock an7:

  1. Im Sozialismus habe das siegreiche Proletariat die Klassenherrschaft inne, um die Gesellschaft umzugestalten und ‚fremde‘ Klassen und Schichten in eine allgemeine Arbeits- und Leistungsgesellschaft zu integrieren. Hier spielten Verteilungsfragen noch eine Rolle, entlohnt werden solle nach Fähigkeiten und Arbeitsleistung.
  2. Im Kommunismus dagegen sei ein Entwicklungsgrad der Produktivkräfte erreicht, der die Menschen auch von den Zwängen eines Arbeitszeitregimes entbinde, daher sei er eine Gesellschaftsform, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“8.
Wie tief Ditmar Brock allerdings in der soziologischen Theorie feststeckt, zeigt sein ziemlich realitätsfernes Abwatschen der marx’schen Prognose, „dass das Proletariat immer weiter anwachse, infolge der Maschinisierung einen Qualifikationsverlust erleide und auf Dauer ein Leben am Existenzminimum (‚ehernes Lohngesetz‘) fristen müsse“.9 Wie sehr diese Prognose eben doch zutrifft, sehen wir in Deutschland ja gerade.

SYNTHESE: Sehnsucht nach Definition und Differenzierung

Eine rhetorische Frage vorweg: Gab es zwischen den Jahren 1800 und 2015 einen Staat, der zumindest temporär eine Gesellschaftsform aufwies, die der marx’schen Definition von Kommunismus entspräche? Nein.

Interpretationen aus Politik, Journalismus oder Historiographie begehen häufig einen eklatanten Fehler: institutionelle Bezeichnungen werden auf reale Umsetzungen übertragen. Beispiel: Beobachtung: „Kommunistische Partei“ an der Spitze eines Staates. Falsche Schlussfolgerung: „Kommunistische Diktatur“.

Nicht jeder Name ist auch immer Programm. Eine sozialdemokratische Partei betreibt nicht zwangsläufig sozialdemokratische Politik, genauso wenig tut es eine christ-demokratische. Auch eine KPdSU betrieb keine kommunistische Politik. Hier wurde ein Parteiname übernommen, der aus einer Zeit stammte, die noch den Kommunismus, als Ziel verfolgte oder verfolgen sollte. Alle post-marx’schen Versuche oder nur vorgegebene Versuche der Etablierung des Kommunismus über die Diktatur des Proletariats – die Übergangsphase, die Marx Sozialismus nennt – hinaus, sind in eben dieser Phase stecken geblieben.

Dass die Bol’schewikí eine Phase der gewaltsamen Enteignungen, der Massenhinrichtungen und der politischen Willkür als Kriegskommunismus bezeichneten, offenbart nur zu gut, wie wenig sie am eigentlichen Gedanken Marx‘ interessiert waren.10 Die eklatanten Unterschiede zwischen Ideal und Wirklichkeit hat Michael Schmidt-Salomon zusammenfassend herausgearbeitet: „Vergesellschaftung [der Produktionsmittel, d.V.] bedeutet bei Marx freie Assoziation der Produzenten (nicht Planungsanweisungen aus der Parteizentrale!), Aufhebung entfremdeter Produktions- und Konsumtionsweisen (nicht anonymisierte Massenproduktion in Fabriken und Kolchosen!), ihr Ziel ist die Verwirklichung des Selbst als Individuum wie auch als Gattungswesen (nicht die Unterwerfung des Individuums unter ein bürokratisch organisiertes Kollektiv!).“11

Was den Parteinamen betrifft, zeigte sich daher die Führung der DDR als bestechend ehrlich: Sozialistische Einheitspartei.12 Hier ist von Kommunismus gar keine Rede mehr – Diktatur des Proletariats13 und der real existierende Sozialismus, fertig. Kein Ziel zeugt von einer Abschaffung aller herrschenden Klassen durch die herrschende Klasse, das „Proletariat“, selbst. Die Elche waren früher selber welche; und fanden Gefallen am Elch sein.

Ich wünsche mir, dass in diesen Bereich wieder mehr Differenzierung einkehrt; gerade von Menschen, die meinen, sie hingen der Wissenschaft an und keiner Ideologie. Ansonsten müsste ich in diesem Fall in Anlehnung an Marx formulieren: Wenn das Wissenschaft ist, bin ich kein Wissenschaftler.14

Cover: Walt Jabsco CC by-nc-nc 2.0

  1. Ditmar Brock: Karl Marx, in: Brock|Junge|Krähnke: Soziologische Theorien von Auguste Comte bis Talcott Parsons, Einführung, 2. Aufl., München 2007, S. 58-60. []
  2. Ebd. []
  3. Marx|Engels: Manifest der kommunistischen Partei, 1848, zitiert nach: MEW, Bd. 4, Berlin 1972, S. 462. []
  4. Marx, Karl: Das Elend der Philosophie, Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“, 1847, zitiert nach: MEW, Bd. 4, Berlin 1972, S. 182. []
  5. Brock, S. 59. []
  6. Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals, zitiert nach: MEW, Bd. 23, Berlin 1972, S. 22. []
  7. Brock, S. 73. []
  8. Marx|Engels: Manifest, S. 482. []
  9. Brock, S. 75. []
  10. Zumindest bei der Staatsbezeichnung waren die neuen russischen Machthaber ehrlich: Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. []
  11. Schmidt- Salomon, Michael: „Ich weiß nur dies, dass ich kein Marxist bin …“, Karl Marx und die Marxismen, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 10/2005, S. 54, Online-Quelle [27.10.2015]. []
  12.  Bei der Staatsbezeichnung dagegen verfehlte man mit dem Attribut demokratisch die Realität bei weitem. []
  13. Auch der Begriff Proletariat kann kritisch betrachtet werden. Er bildete schon in der DDR nicht mehr das ab, was Marx eigentlich damit meinte. Die Stukturen in heutigen Gesellschaften sind bei Weitem noch komplizierter. Um den Begriff adäquat übernehmen zu können, müsste ein Idealtypus definiert werden. []
  14. Marx distanzierte sich von den schon zu Lebzeiten in Erscheinung tretenden Interpretationen seiner Veröffentlichungen mit der Aussage: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ Aus: Friedrich Engels an Paul Lafargue, 27.8.1890, in: MEW, Bd. 37, S. 450, Online-Quelle. Meistens wird der Satz zum besseren Verständnis in die Formel umgeschrieben: „Wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist.“ Schmidt-Salomon, S. 53. []