Bürgerschaft, Waden. Anant Nath Sharma https://www.flickr.com/photos/anantns/6633836669/in/photolist-b7d9wi-7yhyRj-mQv1e-cm2WN7-9isaB4-fjdDL3-t6gvS-4Ujsv1-4CTm9-8Yj8y-6en5Yc-7BVP6K-bGTwZk-2UuAsZ-dnG4Dp-9ndUwA-55ZmWu-nE91iU-chH6ij-6GHoSg-r4txYE-ve1N7s-i32VYq-k6g6kv-5v3ptD-dY3SV2-rThJBy-52WXT-ifv8LQ-qd7nNx-e4iKkM-o6RbjU-o2evR-p7Q632-o8XZJg-oqxJeF-fNYVKq-nAP2uB-8ZCZJZ-4Zoxzx-4NhUyV-fy1KMo-ekFzPb-7We4HU-pmo9Cb-o6VfvD-agzKGn-ej53ZN-qw6U75-daZgMS, CC BY NC ND 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Bürgerschaft: Nadolnys unbedeckter Subraum

Kleidungsvorschriften in der Politik: Rostocks Bürgerschaft diskutiert über die kurzen Hosen des Abgeordneten Kay Nadolny (LINKE). Präsident Wolfgang Nitzsche (LINKE) verlangt Kleiderordnung.

Am Tag der deutschen Sprache produziert die provinzielle Hafenstadt wundervolle Nachrichten über deutsche Sitten. Man kann zufrieden sein, dass die heimische Bürgerschaft für satirische Beiträge durchaus zu haben ist. Könnte man glauben. Am gestrigen Mittwoch erschien Kay Nadolny (DIE LINKE) in kurzer Hose im städtischen Parlament. Sein Parteigenosse auf dem Präsidiumsstuhl, Wolfgang Nitzsche, fand das gar nicht angemessen und erstrecht nicht lustig. Die „Würde des Hauses“ wäre gefährdet gewesen. Er forderte gar, dass sich „das hohe Haus“ möglichst sofort mit einer bis dahin noch nicht bestehenden Kleiderordnung beschäftige.1

Noch vor zwei Wochen machte Phillip Bock in Rostock als Landtagskandidat für Die LINKE Wahlkampf mit dem Ausspruch: „Schluss mit Krawatten!“. Vor 30 Jahren wurde Joschka Fischer (Grüne) vom progressiven Teil Deutschlands dafür gefeiert, dass er mit Turnschuhen in den Bundestag kam. In Rostock jammert ein Präsident der Linken (sic!) über eine kurze Hose im Jahr 2016. Um es mit Hansjörg Kunze (Sprecher Aida-Reederei) zu sagen: „Bei Herren, die am Abend kurze Hosen tragen, endet unsere Toleranz.“2

Die Debatte um Kleidungsvorschriften scheint in Deutschland en vogue zu sein. Zu viel! Zu wenig! Egal, was, irgendwem gefällt es immer nicht, der dann ein Verbot oder eine Vorschrift verlangt. Muslimische Frauen haben zu viel an, deutsche zu wenig. Erstere würden sich von ihren Männern unterdrücken lassen. Letztere würden Männer zu Straftaten provozieren. Männer, Männer, Männer. Mimi-mimi-mi. Wie wäre es mit einem allgemeinen Burka-Zwang für Bürgerschaftsmitglieder? Quasi: Gleichheit vor dem Präsidenten ohne Ansehen der Person.

Konsequenz schafft Vertrauen

Ich habe noch nie verstanden, warum die Kleidung einen Versicherungsvertreter, einen Politiker oder einen Bänker vertrauenserweckend machen soll. Die Haltung und die Handlungen sind es, die Vertrauen erwecken: Die Konsistenz und Konsequenz zwischen Handlung und Haltung. Nicht ein Vollbart, Turnschuhe und kurze Hosen sind die Kleidung der Menschen, die Schlechtes tun. Die meisten derer, die diesen Planeten ruinieren, tragen Krawatte und sind glattrasiert.

Was soll also unter einer langen Hose verborgen werden? Vielleicht eher die Würde des Hauses? Letztere zeigt sich auch im persönlichen Umgang der Mitglieder untereinander, nicht in der getragenen Kleidung. Wer anderen Menschen Vorschriften wegen Banalitäten machen will, ist meist mit seinem eigenen Leben und mit sich selbst nicht zufrieden. Außerdem: Menschen Vorschriften aufgrund von persönlichen Pietäten zu machen, ist Ausdruck eines bigotten, chauvinistischen, patriarchalen Weltbildes aus der Vergangenheit. Wolfgang Nitzsche nähert sich somit dem Zeitgeist der Lebenszeit von Friedrich Nietzsche. Von Letzterem stammt übrigens folgender Ausspruch:

Wer sich mit reingewaschenen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar reinlich, aber doch lumpenhaft.

Gegenvorschlag

Herr Nadolny, kommen Sie doch das nächste Mal in Frauen-Kleidung, ihr Präsident will ja eine Kleiderordnung. Da nehmen Sie ihn am besten beim Wort. Vergessen Sie aber die Rasur der Beine nicht. Konventionen und so. Sonst erkennt sie Herr Nitzsche noch als Mann. Die dürfen schließlich keine Waden zeigen. Mal sehen, wie er dann reagiert. Zur Not lesen Sie ihm mal Art. 2 GG vor, gerne auch gleich den Art. 3 hinterher. Ich bin gespannt, ob er daraufhin ein Sittengesetz einführen will, in dem den Geschlechtern bestimmte Kleidungsstücke vorgeschrieben werden. Vielleicht sollte man ihm dann den Eintritt in eine Partei rechts der SPD nahelegen. Obwohl ja selbst Daniel Peters (CDU) diese Diskussion lächerlich findet. Das sollte für Nitzsche eigentlich Beleidigung genug sein.

PS.: Ich sitze in der Universitätsbibliothek hinter der Ausleihtheke und habe eine kurze Hose an. Zum Schutz der Kundschaft vor meinem Schweiß. Für meine Beine interessieren die sich nämlich nicht. Die wollen nur Bücher. Und niemand außerhalb der Bürgerschaft interessiert sich für die Hosenlänge von Kay Nadolny. Die meisten wollen bezahlbare Wohnungen, breite kulturelle Angebote, einen guten öffentlichen Nahverkehr, eine funktionierende Infrastruktur und ansonsten einfach ihre Ruhe. Wurden Sie dafür nicht gewählt, Herr Nitzsche? Sind das nicht Kernthemen von DIE LINKE?


Cover: Anant Nath Sharma, CC BY-NC-ND 2.0

  1. Meyer, Andreas: Bizarrer Streit um nackte Waden, in: OZ-Online, 15.9.2016 [URL: http://www.ostsee-zeitung.de/Region-Rostock/Rostock/Bizarrer-Streit-um-nackte-Waden]. []
  2. Ebd. []

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