Ohne die Rollbahnen, die man von Flughäfen kennt, bräuchte man ewig für die langen Flure.

Buchmesse: Frankfurt oder Leipzig?

Vom 14. – 18. Oktober fand die Frankfurter Buchmesse statt. Ich war bisher nur auf dem Leipziger Pendant im März und kann jetzt vergleichen. Welche Buchmesse für welchen Typ?

Da ich bisher nur die Leipziger Buchmesse besucht hatte, bin ich geprägt. Es entwickeln sich gewisse Erwartungen und Vorstellungen vor und bei einer Visitation der Frankfurter Messe.

Schon die Lage bringt den ersten Unterschied. In Leipzig lief ich noch ein ganzes Stück von der Haltestelle auf das Messegelände. Es ist von weitem sichtbar und dadurch lässt sich viel simpler erahnen, wo man denn gleich hinmüsse. Mit einer Pressekarte bewaffnet gelangte ich durch einen gesonderten Presseeingang. Eine Extragarderobe hält mich vom späteren Stau auf dem Nachhauseweg fern. Die Abgabe der Utensilien kostet im Pressebereich auch nichts.

Durch die Formalitäten gekommen, erreichte ich in Leipzig als erstes Halle 1, logisch. Hier hat sich eine ganze Subkultur breit gemacht. Kinder bis Dreißig scharwenzeln in teils obszönen Plastikkostümen durch die zwischen ganz viel Tinnef und chemischem Essen nur wenigen Bücher, die en gros aus Bildern bestehen und von hinten gelesen werden. Dabei lassen sich die Minderjährigen nur allzu gern von zumeist über 50-Jährigen Fotografen ablichten. Auch gern im Park zwischen den Messehallen. Cosplay nennt sich der Spaß und Sebastian Edathy gefällt das. Zumindest wirkt das alles im Verbund vereinzelt(!) etwas merkwürdig, wenn ziemlich junge Leute unreflektiert sexistisch einseitige Zeichnungen zum Leben erwecken, um sich in tief ausgeschnittenen und sehr kurzen Kleidchen, wie Playboy-Starlets vor der Kamera zu räkeln.

Durch dies und die Tatsache, dass die Leipziger Messe von Donnerstag bis Sonntag für alle geöffnet ist, vermisst die anwesende Alterspyramide keine einzige Etage. Die Messehallen sind durch jeweils zwei Glastunnel miteinander im Karree verbunden. In der Mitte warten das Blaue Sofa und andere Interviewformate von 3Sat oder der ARD nicht lange auf Publikum. Leipzig gestaltet sich auch für Neulinge als durchaus übersichtlich. Und gerade an Werktagen hält sich die Zahl der Besucher_innen noch in Grenzen, es bleibt angenehm.

Najem Wali (“Bagdad”, Hanser Literaturverlage) auf dem blauen Sofa, interviewt von Marie Sagenschneider.
Najem Wali (“Bagdad”, Hanser Literaturverlage) auf dem blauen Sofa, interviewt von Marie Sagenschneider.

In Frankfurt gestaltet sich die ganze Show völlig anders und bisweilen weitaus spießiger. Die U-Bahn fährt direkt unter den Messe-Eingang. Sofort ins kalte Messewasser geworfen, bin ich sichtlich überfordert, wo es denn jetzt hier langgeht.

Auch eine Akkreditierung über ein Magazin befähigt hier noch lange nicht zur Pressekarte, erst recht nicht zur kostenlosen Garderobe. Ich bin Fachbesucher: in Frankfurt irgendeine Kaste zwischen Normalos und den richtigen Journalist_innen. Fachbesucher sind übrigens unter anderem alle Pädagog_innen, Schüler_innen, Student_innen. Für eine Pressekarte, die eigentlich nur am Dienstag, also einen Tag vor der Messe, wichtig wäre, hätte ich mich nochmal gesondert bis zum 5. Oktober anmelden müssen. Bürokratie genießt Priorität. Nur um mich mit noch mehr Leuten in eine Reihe zu stellen, die gern alles kostenlos bekommen, obwohl sie nicht zwingend geschäftlich hier sind, lohnt sich der Aufwand einfach nicht und es wäre auch ziemlich unfair all denen gegenüber, die hier hunderte Euro für eine Wochenkarte Fachbesucher Business zahlen.

Anzug und Kostüm sind in Frankfurt häufiger vertreten als in Leipzig.
Anzug und Kostüm sind in Frankfurt häufiger vertreten als in Leipzig.

Apropos Messebeginn. An diesem Topos werden die Klassenunterschiede sichtbar. Die Presse darf schon am Dienstag hinein, Fachbesucher ab Mittwoch 9 Uhr. Normalen Menschen erlaubt man erst am Samstag und Sonntag die heiligen Hallen zu betreten. Einerseits würde es keinen Unterschied machen, wenn auch schon am Mittwoch alle Menschen Einlass erhielten, da die Leute, die das hier wirklich interessiert, sowieso Fachbesucher sind, die meistens an Werktagen nicht 8-10 Stunden woanders arbeiten müssen. Andererseits liegt der Fokus in Frankfurt auf einem ganz anderen Punkt. In Leipzig stellen vor allem kleine und große deutschsprachige Verlage aus. Die Autor_innen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind, stehen im Mittelpunkt. In Frankfurt gestaltet sich alles internationaler. Hier geht’s ums Geschäft. Schon morgens um 10 Uhr – die Messe hat gerade erst eröffnet – sitzen Vertreter_innen eines ostasiatischen Verlags bei einem französischen und besprechen das Business – natürlich auf Englisch.

Ein Gang durch die Babel-Halle, wie ich sie aufgrund ihrer phonetischen Vielfalt liebevoll nennen möchte, entpuppt sich als besonders interessant. Zwar sind die Erkenntnisse über Sujets der Papierwerke für jemanden der Englisch, Latein und Russisch in unterschiedlichen Ausprägungen beherrscht, gerade im arabischen Abteil eher gering, doch die Gestaltungen spiegeln die jeweilige Kultur wider. Auch die Kleidungsstile der Verlagsangehörigen geben Aufschluss darüber. Hier trifft sich die Welt. Hier demaskiert sich die Staatsräson im Auftreten der Verlage. Bescheiden kommen kleine Staaten mit dennoch großem Angebot, wie der Kosovo, daher. Bombastisch selbstbewusst bis arrogant treten dagegen große Staaten oder beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate auf, die eigentlich nur drei goldene Bücher ausstellen. Der Rest scheint mir zumindest unsichtbar oder nur holografisch, wie auf folgendem Foto.

Stand der VAE: Das blaue Hologramm baut sich alle 30 Sekunden neu auf.
Stand der VAE: Das blaue Hologramm baut sich alle 30 Sekunden neu auf.

Neben den Verlagen besuchen viele Leseratten eine Buchmesse, um Anregungen für das nächste Geschenk oder die eigene Lektüre zu bekommen. Auch in diesem Punkt hat die Seite wieder zwei Medaillen, wie Philosoph Mario Basler einmal aphorisierte. In Leipzig liegen TV-Interviews auf blauem (ZDF), rotem Sofa (3Sat) oder schwarzem Stuhl (ARD) nah beieinander, die enge Staffelung macht es nicht unmöglich aufeinanderfolgenden Autor_innen an verschiedenen Plätzen zu folgen. Leider lässt sich in Leipzig nicht so leicht ein guter Platz ergattern, da die Messe offener, dadurch etwas voller ist. In Frankfurt liegen die TV-Anstalten weit auseinander. Die ARD bekommt die ganze Festhalle neben dem Pavillon des Ehrengastes Indonesien. Das Blaue Sofa fristet sein Dasein auf einer Kreuzung zwischen den Hallen 4, 5 und 6. Der Weg zwischen beiden beträgt ungefähr einen Kilometer. Wenn die Rollbahnen nicht wären, würde ich es niemals von einem Interview zum nächsten Schaffen. Zusätzlich sind die Hallen zwar irgendwie im Karree angeordnet, die Führung der Täfelchen und im Allgemeinen lässt mich jedoch allzu häufig wieder umkehren, da ich mich verlaufen habe.

Ohne die Rollbahnen, die man von Flughäfen kennt, bräuchte man ewig für die langen Flure.
Ohne die Rollbahnen, die man von Flughäfen kennt, bräuchte man ewig für die langen Flure.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Leipziger Buchmesse im März der etwas größere Spaß ist. Sie ist jünger, hipper, abwechslungsreicher und Antiquariate verkaufen stinknormale Bücher zum Spottpreis. Letzteres gibt es in Frankfurt nur außerhalb der Messe auf irgendeinem Platz neben der Straßenbahnhaltestelle, ich hab es erst am letzten Tag bei der Abfahrt entdeckt. Die Buchmesse in Frankfurt ist vielmehr auf Fachleute ausgerichtet. Wer irgendwie dazu gehört, darf sich jedoch auf interessante Diskussionen von Autor_innen über die Themen der Zeit (Russland oder Flucht zum Beispiel) freuen. Auch die Interviews sind durch das etwas kleinere Publikum auf Sitzgelegenheiten länger auszuhalten, als sie es in Leipzig im Stehen gewesen sind.

Diskursinteressierte finden sich also eher in Frankfurt wieder. Ein abwechslungsreiches Wochenende gestaltet sich in Leipzig dagegen besser und vor allem günstiger, auch außerhalb der Messe. Frankfurts Messe ist am Ende doch irgendwie mehr (geistige) Arbeit als reines Vergnügen. Daher freue ich mich jetzt erstmal auf den März in Leipzig. Aber nicht nur wegen der kostenlosen Garderobe.

[Nachtrag 17.10.15: Der Samstag in Frankfurt ändert alles. Die Congress-Halle wird zur ComiCon, aber kleiner als in Leipzig. Endlich wird die Buchmesse jung und hipp. Und mit deutlich weniger pädophil anmutenden Fotografen. Einfach, weil die Messe eigentlich nicht für derarttige Subkulturen ausgerichtet ist, sie gehören jdoch irgendwie dazu. Wie in Leipzig ist es am Wochenende kaum auszuhalten. Gegenüber des taz.-Standes versperren 100 Leute den Gang, um Daniela Katzenberger beim Signieren zu begutachten, als sähen sie einen Gorilla im Zoo, der sich am Sack kratzt. Die Messe wird am Wochenende zum puren Stress. Mir wird die Leipziger Buchmesse am Werktag zum Sehnsuchtsort.]

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