BILD dir deine Einheit

Die BILD spamt Briefkästen auch dieses Jahr mit ihrer kostenlosen Sonderausgabe zur deutschen Einheit voll. Ein Blatt voller Widersprüche.

Schon die Titelseite ist ein Lacher. Über der Schlagzeile „Happy Birthday Deutschland!“ – der anglophone Wunsch soll Weltoffenheit verkörpern – bereitet mir die Erklärung „BILD FEIERT 25 JAHRE WIEDERVEREINIGUNG“ ein wenig Unbehagen, erinnert mich das Wort doch immer an das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vom 18. März 1938.

Warum hier nicht DEUTSCHE EINHEIT steht, weiß nur BILD allein. Wiedervereinigung hat eben was schön Nostalgisches, was Rückblickendes, was romantisch Schwelgendes. Da liegt die Betonung auf damals. „Wiedervereinigung? Wieso? War das mal nicht so?“

Ja, dabei bleibt's auch.
Ja, dabei bleibt’s auch.

BILD zeigt sich professionell im Platzieren von Realsatire, die Wahl der Anzeigenpartner ohne Beachtung jeglicher aktueller Geschehnisse. Volkswagen erkauft sich gefühlt 25 Prozent der Seiten und füllt sie mit wunderschönen, von Selbstlob geschmückten Anzeigen. Die Abgastrickserei scheint hier gar nicht von Belang.

Wer braucht schon Freiheit, wenn er VW fahren kann.
Wer braucht schon Freiheit, wenn er VW fahren kann.

Weitere Werbungsdarstellungen bezeugen die unbändige Kreativität der deutschen Werbeindustrie. Sowohl LIDL Connect als auch smartmobil.de fällt nichts besseres ein, als eine Adaption des Spruches „Es wächst zusammen, was zusammen gehört“ zu platzieren.

An den Seitenrändern hat BILD Fachmenschen gefragt, was ihre 25 Vorschläge für ein jeweiliges Thema sind. Dieter Thomas Heck listet deutsche Hits auf, die jeder gehört haben sollte. Da ist natürlich viel Schlager dabei. Daneben darf Wolfgang Schäuble („Bis heute […] einer der beliebtesten Politiker Deutschlands.“) seine positiven Momenti erläutern, die er mit Deutschland verbindet. Mir fällt dazu nur eins ein: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“ Warum fragt BILD nicht mal eine „normale“ Person, was ihr einfällt, wenn sie an Deutschland denkt? „Was verbindet Küchenhilfe Marion mit der Wende? Und wie siehts bei Maurer Uwe aus?“, wäre eine interessante Studie.

Nichts wirklich Originelles, geschweige denn Lustiges.
Nichts wirklich Originelles, geschweige denn Lustiges.

Auf der Folgeseite erzählen 25 Comedians ihren Lieblingswitz. Die Dinger sind derartig schlecht, dass man sich fragt, ob die Leute wirklich geantwortet haben oder BILD einfach billige Witze irgendwelchen Comedians zugeordnet hat.

Die „25 deutsche[n] Museen, die jeder mal besucht haben sollte“ strotzen nur so vor Malerei. Clever von BILD, einen Maler und Bildhauer zu fragen. Dadurch fehlen natürlich die wirklich wichtigen Museen; das für jüdische Geschichte in Berlin zum Beispiel. Dort kann sich nicht nur „jeder Deutsche“ mal angucken, welche Last auf seinen Schultern liegt, und was das für das eigene Verhalten im Umgang mit Minderheiten bedeutet.

Auch der frisch verstorbene Hellmuth Karasek darf uns über seine Buchempfehlungen, die „jeder Deutsche mal gelesen haben sollte“, aufklären. Das sieht doch schon ganz anders aus. Schade nur, dass neben aufklärenden Werken, wie Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ oder Remarques „Im Westen nichts Neues“, so viel Platz für bürgerliche Nationalstaatsattitüde vom deutschen Jammerlappen Thomas Mann bleibt. Und das gleich dreifach.

Alexander von Schönburg beweist auch im Text, warum sein Schöngeist für den Posten des Textchefs dieser Ausgabe ausreicht.
Alexander von Schönburg beweist auch im Text, warum sein Schöngeist für den Posten des Textchefs dieser Ausgabe vollkommen ausreicht.

Zwischen diesen beiden Listen erbrechen Veronica Ferres und Maria Furtwängler ihr pseudowissenschaftliches Halbwissen über die angebliche Bedeutung des Waldes für das deutsche Gemüt. Eine Kaskade der Klischées wird über den Lesenden ausgeschüttet, zusätzlich völlig bescheuert bebildert.

Ein Text ragt schon auf Seite Zwo aus dem typischen BILD-Mief zumindest stellenweise turmhoch heraus. Wenn Ralf Schuler den patriotischen Schwenk auf den früheren Papst Benedikt und Deutschland darf wieder Fahnen schwenken nach der WM 2006 weggelassen hätte, man glaubte nicht, es wäre ein BILD-Text. Gen Ende heißt es gar:

„Noch ist Deutschland bange, ob es den Ansturm aus Syrien, Afghanistan, Afrika verkraftet. Doch sehen wir es positiv: Deutschland ist zum Fluchtpunkt für jene geworden, die Frieden suchen, die soziale Sicherheit suchen, die eine starke Wirtschaft suchen, die Chancen bietet und die Freiheit suchen für alle Religionen und Meinungen. Ihnen allen fällt dazu ein Ziel ein: Deutschland. Deutschland wird nicht auf Dauer alle Wünsche und Hoffnungen der Welt erfüllen können. Aber Deutschland hilft, packt an, spendet, krempelt die Ärmel hoch, gibt Boom-Milliarden aus dem Haushalt für den besten Zweck aus, den man sich denken kann: Menschlichkeit.“1

Dass sich dieser Appelle in der BILD befindet, grenzt nach den plakativen Schlagzeilen vergangener Monate und Jahre über „Sozialmissbrauch durch Ausländer“ und „raffgierige Griechen“ an ein Wunder. Vielleicht ist es aber auch nur das Merkel-Prinzip. Ein Schwimmen mit dem Strom.

Inhalte von BILD sind ein einziges Oxymoron

„Die Freiheit für alle Religionen“ wird im zweiten Teil auf Seite 15 konterkariert. Ein Bischof a. D. darf 25 Kirchen aufzählen. Wenn doch Freiheit für alle Religionen herrscht, warum zählt er nicht zumindest Synagogen und Moscheen hinzu?

Die Widersprüche erhalten im Interview nebenan keine Pause. Auch wenn sich Joachim Löw und Udo Lindenberg gegen den Begriff des Helden wehren, kann es BILD nicht lassen, sie dennoch in der Überschrift so zu etikettieren. Man fragt sich zusätzlich, wer, außer der BILD-Redaktion, in den Beiden eine Art Heldentum zu sehen vermag.

Auf der Folgeseite stellt BILD einen Bildhauer vor, der das Brandenburger Tor in einer Skulptur organischer Form nachempfunden hat. 35 Stück dieses Stahlgusses sind für jeweils 39.500 Euro von „BILD-Lesern“ zu erwerben. Dafür müsste der oder die durschnittliche BILD-Leser_in mehr als zwei Jahre arbeiten.

Am Rand erneut eine 25-stellige Liste von Dingen, „die jeder in Deutschland mal gemacht haben sollte“. Darunter so sinnvolle Sachen wie: „Durch das Brandenburger Tor laufen und im Adlon übernachten“, „auf der Autobahn über 200 fahren“ oder „auf dem Oktoberfest eine [dieses Jahr 10 Euro teure] Maß stemmen“.

Über BILDs Genauigkeit mit der Darstellung der Realität gibt besonders die Zusammensetzung der „GENERATION EINHEIT“ Aufschluss. Nur zwei der 13 Frauen und zwölf Männer2 sind konfessionslos, alle anderen entweder katholisch, evangelisch oder muslimisch. BILD schafft es dennoch nicht, Muslim_innen auch so zu nennen, und benutzt lieber in typischer Besatzungsmanier die Bezeichnung Moslem.

Keine der Personen lebt nördlicher als 52° 35′ N, was ungefähr Berlin entspricht. Neun der 25 kommen aus Baden-Württemberg. Das müsste, auf die deutsche Bevölkerung übertragen, bedeuten, dass dort 29,16 Mio. Menschen leben, was für die Realität 19 Mio. zu viel sind. Eigentlich dürften also nur drei der 25 in BaWü wohnen.

Am Rockzipfel hängend oder ein Blick unter den Rock? In jedem Fall totale Scheiße.
Am Rockzipfel hängend oder ein Blick unter den Rock? In jedem Fall: totale Scheiße.

Ein Portrait von deutschem Wein, welchen Herbert Seckler (Chef der Sansibar auf Sylt // den Verzerr von deren Currywurst und Champagner lobpreist BILD als eine der 25 Dinge, die man gemacht haben sollte) auf die 25 wichtigsten einkürzen darf, schmückt die gleiche Seite. Den Footer füllt eine von Piktogrammen übersäte Zahlenansammlung von Statistikwerten der deutschen Bevölkerung. Heirats- und Scheidungszahlen – BILD lässt sich das nicht nehmen – werden selbstverständlich doppeldeutig-sexistisch illustriert.

"Natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber der Tag der EInheit ist ein Freudentag. Lachen ist erlaubt!", relativiert BILD. Es gelingt mir jedoch nicht.
„Natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber der Tag der Einheit ist ein Freudentag. Lachen ist erlaubt!“, relativiert BILD. Es gelingt mir jedoch nicht.

Zu guter Letzt macht sich BILD den Spaß und will seine Leser_innen mit „25 Schlagzeilen, auf die BILD sich in den nächsten 25 Jahren freut!“3 belustigen. Jede Schlagzeile präsentiert den deutschen Stammtischhumor. Platte Wortspiele ohne intellektuelles Futter, manchmal nur, um im Blatt noch irgendwo nackte Brüste unterbringen zu können: „Geiler Fund in Gauck-Behörde: Neue Stasi-Nackte aufgetaucht!“

„Nach Homo-Ehe: Erster Minister fordert Einschwulung!“ (Die Ironie der BILD-Redaktion ist förmlich spürbar.) „Wirtschaftswunder! Griechenland zahlt die ersten 10 Euro zurück“ (Auch wenn sie noch gar keinen Cent erhalten haben.) „Danke, Klimawandel! Holland weg, Deutschland am Meer!“ (Holland und nicht die Niederlande als Staat zu nennen, passt zum schmalen Horizont des BILD-Stammtischs.) „Die Firewall muss weg! Leipziger demonstrieren für Internetfreiheit“ (Ja, nee, is klar.)

Dass der Scheiß BILD Spaß machen würde, glaub ich auf’s Wort, da hilft auch kein zurückrudern unter der Maxime „Alles nur Spaß“. „Weil’s keine mehr gibt! Duden streicht das Wort Neonazi!“ Für die Verhinderung dieser Nachricht sorgt BILD jeden Tag auf’s Neue. Und selbst, wenn sie wahr würde: Es blieben immer noch die Bezeichnungen: Sexist oder einfach Idiot

  1. Schuler, Ralf: Wie WIR wieder WIR wurden, in BILD-BUNDESAUSGABE, 1.10.2015, S. 2, Sp. 8. []
  2. BILD nennt meine Altersgenoss_innen Mädchen und Jungen, um ihre Jugendlichkeit und relative Unerfahrenheit zum Ausdruck zu bringen. []
  3. Für das Layout war wieder mal Photoshop-Phillip tätig. BILD grüßt aus den 90ern. Fehlt nur noch WORDArt mit Regenbogenfarbverlauf. []

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