„Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht“

Zurück ins Jahr 1977. Westdeutschland. Kritiker des bundesrepublikanischen Systems werden als Untergrundkommunisten bezeichnet. Angst vor RAF-Terrorismus beherrscht die Republik. Und die konservativen Bestandsverwalter haben ein mächtiges Sprachrohr: die BILD-Zeitung aus dem Springer Verlag.

Günter Wallraff auf dem RTL-Spendenmarathon 2014 in Hürth bei Köln.
Günter Wallraff auf dem RTL-Spendenmarathon 2014 in Hürth bei Köln.

In dieser aufgewühlten Zeit macht sich ein 34-jähriger, gelernter Buchhändler auf, den Kern zu ergründen, der das System im Innersten zusammenhält. Günter Wallraff erkannte durch das Tagebuchschreiben bei der Bundeswehr den Vorteil seiner zukünftigen Methode. „[…], er dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede ‚Überhöhung‘ vermeidet, sich nicht einmal des Jargons bedient, der ja als poetisch empfunden werden könnte,“ fasste Heinrich Böll im Vorwort zu Christian Lindners „In Sachen Wallraff“ 1975 zusammen.

So steht Wallraff im März 1977 vor seinem Spiegel in einer extra gemieteten Wohnung in Hannover und betrachtet seine „polierte Fresse“. Unter dem Pseudonym Hans Esser wird er in die BILD-Redaktion Hannover gelangen, mithilfe eines ehemaligen Redakteurs, und dort die nächsten 4 Monate als ein solcher verbringen.

Herr Keuner begegnet Herrn Wirr,
dem Kämpfer gegen die Zeitungen.
„Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen“, sagt Herr Wirr,
„ich will keine Zeitungen.“
Herr Keuner sagt: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen:
Ich will andere Zeitungen.“

Bertolt Brecht

Mit Bekanntwerden seiner wahren Identität beginnt eine juristische Odyssee. Springer verklagt Günter Wallraff. Das Landgericht Hamburg hat Schwierigkeiten, die Prioritäten im Art. 5 GG Presse- und Informationsfreiheit und die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem zu finden. Erst das Bundesverfassungsgericht sorgt 1984 für einen Abschluss und stellt die Informationsfreiheit als „eines der vornehmsten Menschenrechte“ heraus und gibt größtenteils Wallraff recht.

Dabei ist verwunderlich, warum das Hamburger Landgericht ein Problem mit der Privatheit hat. Denn Wallraff schafft es in seinen Darstellung von der alltäglichen Arbeit in der Redaktion das Private nur insofern zu beschreiben, als dass es für das Verständnis der Handlungen wichtig ist. Die Gefühle Einzelner zu bestimmten Zeitpunkten unter der Erniedrigung des Redaktionsleiters, werden beschrieben, als würde Wallraff sie einem Freund erzählen. Nur was er beobachtet, kann er auch mitteilen. 2012 ist bei Kiepenheuer und Witsch sein Buch neu aufgelegt worden; das erste Mal wieder unzensiert im Original. Über die lange Zeit der Gerichtsurteile, mussten einige Stellen gestrichen werden. In der neuen Auflage, findet man also das unzensierte Original, und zusätzlich Hinweise zu den Urteilen der jeweiligen Gerichtsbarkeiten.

DerAufmacher-CoverGünter Wallraff
Der Aufmacher:
Der Mann, der bei BILD Hans Esser war

Kiepenheuer und Witsch, 2012, 288 Seiten
8,99 €
ISBN: 978-3-462-04487-4

Neben der psychischen Veränderung, die er an sich selbst in ziemlich kurzer Zeit feststellt, beschreibt er in „Der Aufmacher“, wie die letztlich gedruckten Artikel entstanden sind, unter denen sein Pseudonym zu lesen war. Nahezu nichts, was im Blatt steht, hat auch nur ansatzweise mit der Realität zu tun. Aus einer über die asiatische Philosophie zum Kampfsport Teakwondo gelangten, jungen Frau wird jene, die „mit einem Tritt ihrer kleinen Füße (Schuhgröße 36) gegen die Schläfe, in die Herzgrube und sogar gegen den Hinterkopf jeden Räuber oder Rocker auf der Stelle töten [kann].“ Aus gebräunten Mallorca-Urlaubern macht der Redaktionsleiter oder auch die Hamburger Zentrale „Stocksauer und enttäuscht – Urlauber, die aus der Kälte kamen“. Das System BILD besteht aus Artikeln, in denen der Redaktionsleiter „eine Geschichte sieht“. Wenn die Personen, um die sich diese Geschichte dreht, nicht das erzählen, was man von ihnen hören will, wird es einfach dazu gedichtet. Kein Artikel darf Fragen aufwerfen.

Die „‚geistige‘ Spielart von Gewalt, die keiner Molotow-Cocktails und Maschinengewehre bedarf“, um Leben zu zerstören, wie Wallraff die Methoden des Boulevard-Blatts benennt, ist in diesem Buch zwar 37 Jahre alt. Doch wirkt sie beim Leser aktuell. Wüsste man nicht, dass die Szenen im Jahre 1977 spielen, man würde sie für die Gegenwart halten. Ein würdeloser Ticker vom Krankenbett Michael Schumachers ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Auch in den Siebzigern hätten sich BILD-Redakteure in Pflegerkleidung an die Krankenhausbetten Prominenter geschlichen.

Bild.de-Screenshot 8. April 2014, 12:50
Bild.de-Screenshot, 8. April 2014, 12:50

Besucht man nach der Lektüre Wallraffs die Hompage BILD.de, möchte man kotzen, hat man es nicht schon während des Lesens im Kapitel „Konrad-Adenauer-Preis“ getan. Auf der Startseite erwarten einen, wie es Die Ärzte so wundervoll zusammengefasst haben, Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht. Und für diesen Kanon gequirlter Scheiße halten auch noch gut situierte Personen ihre „polierten Fressen“ in die Werbe-Kamera. Von Philipp Lahm über Thomas Gottschalk bis Alice Schwarzer.

Welche Macht dieses bunte Altpapier auch heute hat, zeigten die Wochen um den Jahreswechsel 2011/12 und Christian Wulff. Das Nichts, das letztlich aus Hotelrechnungen und BobbyCars geworden ist, offenbart dabei viel. Da liebäugelt man mit der Vermutung Hagen Rethers, Wulff sei aus dem Amt gekegelt worden, weil er behauptet hat, dass der Islam nach 50 Jahren auch zu Deutschland gehöre. In einer Zeit, in der ein islamisch geprägtes Feindbild zusammengeschustert wird, um eine einfache Dichotomie von Gut und Böse aufzubauen. „Sowas sagst du nicht ungestraft in der CDU.“

Zu dieser Partei fühlte sich auch die BILD schon in den Siebzigern hingezogen und auch die CDU fühlte sich zur BILD hingezogen. Damals schrieb der Niedersächsische Ministerpräsident noch selbst seine Kommentare in der BILD. Heute ist Hugo Müller-Vogg als Kolumnist für Springer der ständige „Enddarmbewohner der Kanzlerin“.

Doch bei all dem Negativen bleibt etwas Positives. Mit der Jahrtausendwende begann ein starker Rückgang der Auflage. Ginge dieser so weiter, wäre die BILD schon 2025 als Zeitung auf Papier Geschichte. Die Hoffnung stirbt zuletzt, …

Cover: alle-gegen-bild.de (Die Homepage der Aktion wurde eingestellt, ihr Facebook-Auftritt existiert aber noch.)
Wallraff-Porträt: Michael Schilling cc by-sa 3.0
Buchcover: KiWi

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